Politik : Neue Verunsicherung

Afghanistans Sicherheitskräfte übernehmen Verantwortung – aber die Abhängigkeit vom Westen bleibt.

von und Erwin Starke
Abwarten. Soldaten der Nationalen Afghanischen Armee (ANA) konnten von den westlichen Truppen viel lernen. Ob sie die Sicherheit im Land schon alleine gewährleisten können, daran gibt es allerdings große Zweifel. Foto: Marai Shah/AFP
Abwarten. Soldaten der Nationalen Afghanischen Armee (ANA) konnten von den westlichen Truppen viel lernen. Ob sie die Sicherheit...Foto: AFP

Berlin - Afghanistans Präsident Hamid Karsai hat mit seiner Forderung nach einem raschen Abzug der Nato den Eindruck erweckt, die internationale Mission könne schneller beendet sein als bisher gedacht. Auch wenn Karsai seine Äußerungen inzwischen wieder relativierte und der afghanische Staatschef dem US-Präsidenten Barack Obama in einem Telefonat versicherte, dass der Rückzug bis Ende 2014 erfolgen solle, tut sich doch ein Gegensatz zu den Äußerungen von Angela Merkel auf. Die Kanzlerin hatte noch zu Wochenbeginn erklärt, sie habe Zweifel, ob überhaupt der Abzugstermin 2014 eingehalten werden könne. Man wird der CDU-Chefin nicht zu nahetreten mit der Vermutung, dass sie das auch mit Blick auf die Frage nach den Fähigkeiten der afghanischen Sicherheitskräfte getan hat, die Kontrolle über das Land selbst auszuüben. Groß erscheinen derzeit noch die Defizite des Staatsaufbaues und die Probleme der Sicherheitslage in Afghanistan.

Tatsächlich sind in den vergangenen Jahren durch das Partnering, also den gemeinsamen Einsatz deutscher Soldaten und afghanischer Sicherheitskräfte, deutliche Erfolge erzielt worden. Im Bereich des von Deutschland geführten Regionalkommandos Nord (RC North) wurden bereits sechs von neun Provinzen den afghanischen Sicherheitskräften überantwortet. Dieser Transition genannte Prozess, an dessen Ende ganz Afghanistan unter afghanischer Sicherheitsverantwortung stehen soll, setzt voraus, dass die afghanischen Sicherheitskräfte in der Lage sind, Operationen eigenständig zu planen und zu führen. Dabei ist es keinesfalls so, dass die Übergabe in die Verantwortung der Afghanen zwingend gleichbedeutend ist mit dem vollständigen Abzug aller Isaf-Soldaten. Vielmehr wechsle die Bundeswehr in ihrem Bereich „vom Fahrer- auf den Beifahrersitz und die Afghanen lenken, geben Gas und bremsen“, sagt der Sprecher des Einsatzführungskommandos in Potsdam. So würden etwa die Luftnahunterstützung, Aufklärung, Rettungsaktionen und die Ausbildung weiterhin von Isaf-Soldaten übernommen.

Im deutschen Verantwortungsbereich ist das 209. Korps der Afghanischen Nationalarmee (ANA) stationiert. Dessen 2. Infanteriebataillon gilt als eigenständig einsatzfähig. Deutsche Offiziere sprechen von einer hoch motivierten Truppe, die zunehmend professioneller agiere und ihrer Beratung kaum noch bedürfe. Trotz dieser Erfolge überwiegen bei den deutschen Offizieren die Zweifel, was die Zeit nach einem Abzug angeht. Eine eigenständige afghanische Sicherheitsverantwortung ab 2014 scheint ihnen wenig realistisch. Es fehle den Afghanen nicht nur an allen Arten der Kampfunterstützung wie Artillerie, Luftunterstützung, Pionierkräfte und Aufklärung, sondern auch an einer eigenen Logistik und einem modernen Sanitätswesen. Die ANA hänge von der Versorgung der westlichen Armeen ab, der Aufbau einer funktionierenden Logistikstruktur sei sehr ausbildungsintensiv und brauche deutlich mehr Zeit, als bis 2014 zur Verfügung steht.

Die ANA, sagen deutsche Offiziere, sei noch sehr weit entfernt von einem eigenen funktionierenden Nachschub- und Logistikwesen. Ähnlich sehe es in anderen Bereichen aus. Besonders drastisch klafften Anspruch und Wirklichkeit bei der Luftunterstützung auseinander. Die afghanische Luftwaffe besitzt nur wenige Kampfhubschrauber russischer Produktion und keine Kampfflieger. Allein mit Infanterie werden die Taliban aber kaum in der Fläche zurückzudrängen sein. Ein Abzug der westlichen Truppen wird daher auch nach bisheriger Planung nicht komplett erfolgen. Vielmehr sollen auch nach 2014 die in Afghanistan engagierten Staaten, allen voran die Amerikaner, mit einer Vielzahl von Kampfunterstützungstruppen, mit Ausbildern und erheblichen Luftwaffenkräften im Land bleiben. Ohne diese Unterstützung werde sich, so die allgemeine Erwartung, die Zentralregierung gegen die Taliban oder auch gegen abtrünnige Provinzgouverneure nicht durchsetzen können.

Die Bundeswehr passt ihre Strukturen in Afghanistan derzeit der künftigen Lage an. Im Zusammenhang mit der begonnenen Reduzierung des Einsatzkontingentes werden die bisher getrennt organisierten Operational Mentor and Liaison Teams (OMLT) und die Ausbildungs- und Schutzbataillone zusammengelegt und verkleinert. Dadurch nimmt ihre Kampfkraft zwar ab, es werden aber Einheiten gebildet, die den Afghanen die nötige Kampfunterstützung zukommen lassen können. Der Auftrag verlagert sich mithin von dem kämpfenden Einsatz an der Seite der afghanischen Kameraden zu deren Unterstützung mit Fähigkeiten und Waffensystemen, die in der ANA noch nicht oder kaum vorhanden sind.

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