Politik : Neue Vorwürfe gegen US-Armee im Irak

Botschafter: Zivilisten absichtlich getötet / Bush verspricht Aufklärung nach Bericht über Massaker

Christoph von Marschall[Washington]

Nach den Berichten über das mutmaßliche Massaker an 24 irakischen Kindern, Frauen und Männern durch US-Marines im November 2005 in Haditha werden Vorwürfe über weitere Tötungen von Zivilisten durch US-Soldaten laut. Bagdads neuer Botschafter in Washington, Samir al Sumaidaie, sagte nach der Übergabe seines Beglaubigungsschreibens an Präsident George W. Bush am Dienstag im Sender CNN, es gebe Hinweise, dass US- Soldaten auch andere wehrlose Zivilisten „absichtlich getötet haben“. Solche Übergriffe seien nicht typisch für den US-Einsatz, sie schadeten aber dem Ansehen.

Al Sumaidaie erneuerte den Vorwurf, Marines hätten 2005 auch seinen 21 Jahre alten Cousin bei einer Hausdurchsuchung in Haditha „kaltblütig erschossen“. Er hatte dies bereits im Juli 2005 öffentlich gemacht, damals war er noch Iraks Botschafter bei den Vereinten Nationen. Iraks neuer Ministerpräsident Nuri al Malik äußerte sich „besorgt über die Zunahme an Fehlern“ der US-Armee. „Ich sage nicht, dass die Tötungen von Zivilisten beabsichtigt sind. Aber sie sind besorgniserregend.“ Irak werde den Vorfall von Haditha auch selbst untersuchen.US-Präsident George W. Bush versicherte am Mittwoch, die Vorfälle würden gründlich geprüft. „Wenn Gesetze verletzt wurden, werden die Schuldigen bestraft“, betonte Bush. Niemand sei mehr beunruhigt als das Marine-Korps selbst.

Die US-Armee untersucht seit März die Umstände des Todes von 24 Zivilisten in Haditha sowie in einem getrennten Verfahren, ob die Einheit versucht hat, die Ereignisse zu vertuschen. Nach Darstellung mehrerer US-Abgeordneter scheinen die Abläufe klar. Haditha hat rund 90 000 Einwohner und ist ein Zentrum des Widerstands etwa 200 Kilometer nordwestlich von Bagdad. Am 19. November war dort bei einem Bombenanschlag auf einen US-Konvoi ein US-Soldat gestorben, zwei wurden verletzt. In den folgenden Stunden drangen US-Marines in umliegende Häuser ein und erschossen 19 Menschen, darunter Frauen und Kinder, laut Obduktionsberichten aus nächster Nähe. Das jüngste Opfer war ein einjähriges Mädchen. Sie eröffneten auch das Feuer auf ein Taxi, das sich näherte. Darin starben der Fahrer und vier Studenten. Die US-Armee zahlte an die Familien von 15 Opfern die maximale Entschädigung von 2500 US-Dollar pro Toten – mit der Begründung, es sei klar, dass die Betroffenen nicht an Angriffen auf Soldaten beteiligt gewesen seien. Der Abgeordnete John Murtha, selbst Ex-Marine, sprach von „kaltblütigem Mord“. In den USA wird erwartet, dass mehrere Marines des Mordes angeklagt werden, sobald die Untersuchung in rund vier Wochen offiziell abgeschlossen ist. Zunächst hatte die Einheit behauptet, nach der Bombenexplosion habe es ein Feuergefecht gegeben, bei dem 15 Zivilisten und acht Aufständische gestorben seien. Die Untersuchungen wurden durch Nachfragen eines Reporters des Magazins „Time“ ausgelöst, er war der Sache im Februar nachgegangen.

Ein Marine, der bei einer Explosion verletzt wurde, versuchte im Sender King TV in Seattle die emotionale Belastung des Einsatzes in Widerstandsgebieten zu erklären. Er habe erlebt, wie Soldaten „einfach ausrasten“, wenn Kameraden neben ihnen durch eine Bombe zerfetzt werden, sagte Unteroffizier James Crossan. „Ich glaube, sie waren einfach blind vor Hass und haben die Kontrolle verloren.“

Im Irak ging die interethnische Gewalt unvermindert weiter. In Bagdad wurden 17 Leichen gefunden, den meisten waren die Hände auf dem Rücken gefesselt. Ein schiitischer Muezzin wurde auf dem Weg zur Moschee erschossen. Eine Bombe tötete in Mossul fünf Polizisten, 14 wurden verwundet.

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