Politik : Neue Vorwürfe im Fall Litwinenko

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Moskau - Im August 2006 startet ein Dienstfahrzeug von Russlands Inlandgeheimdienst FSB in Jaroslawl östlich von Moskau Richtung Süden. Ziel ist das Atomkraftwerk bei Saratow an der Wolga. Dort nehmen die Beamten einen 3,4 Kilogramm schweren Kanister aus Blei in Empfang. In der innersten Kammer: ein Milligramm des hochgiftigen Isotops Polonium-210. Hergestellt in Sarow, dem ehemaligen Arsamas-16, wo die Sowjetunion ihre Atombomben befüllte. Den Bleikanister liefern die Geheimdienstler beim FSB-Forschungszentrum ab. Gut zwei Monate später wird Ex-KGB-Offizier Alexander Litwinenko in London mit Polonium vergiftet.

Mit jenem Polonium aus dem Akw? Dafür gibt es bisher keine Belege. Für die Etappen zuvor womöglich schon. Kopien von Fahraufträgen, Lieferschein und Empfangsbestätigung wurden Litwinenkos Witwe Marina und dessen Freund Alexander Goldfarb zugespielt. Scotland Yard prüft die Echtheit. Sollte sie sich erweisen, käme Moskau in Erklärungsnot. Geheimdienst und Staatsführung leugnen jede Beteiligung an der Mordsache Litwinenko und der Polonium-Affäre.

Litwinenko, einst Angehöriger einer Sondereinheit für Terrorismusbekämpfung, hatte den FSB beschuldigt, die tschetschenischen Extremisten angelasteten Sprengstoffanschläge auf Moskauer Wohnhäuser im Herbst 1999 selbst ausgeführt zu haben, um einen plausiblen Vorwand für einen neuen Krieg im Nordkaukasus zu haben. Auch Mordpläne gegen Regimekritiker wie den Oligarchen Boris Beresowski warf Litwinenko dem FSB vor. Ende 2000 flüchtete er nach Großbritannien. Der Fall belastet Moskaus Verhältnis zu London bis heute. Die britische „Sunday Times“ druckte Kopien der Dokumente ab, ein FSB-Sprecher sprach von einer Fälschung. An der Echtheit zweifeln allerdings auch Geheimdienstexperten wie Andrei Soldatow, der das Internetportal agentura.ru betreibt. Elke Windisch

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