Neuer britischer Botschafter : Mathematiker mit China-Erfahrung

Flüchtlingskrise, EU-Referendum: Sebastian Wood hat nicht viel Zeit, um sich einzuarbeiten. Ein Porträt

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Londons neuer Mann in Berlin: Sebastian Wood
Londons neuer Mann in Berlin: Sebastian WoodFoto: Reuters

Er kommt hierher aus einem Land, das über einen großen Schatz an Sprichwörtern verfügt. „Nicht weinen, bis man den Sarg sieht“, lautet eines, „ein Weg entsteht, wenn man ihn geht“, ein anderes. Sebastian Wood wird die Sprichwörter alle kennen, denn er hat die vergangenen fünf Jahre als britischer Botschafter in China verbracht. Und er wird sie alle gut gebrauchen können, denn er ist ab dem heutigen Montag, sobald er dem Bundespräsident um 17 Uhr 30 sein Beglaubigungsschreiben überreicht hat, britischer Botschafter in Deutschland.

"Ein gutes Pferd springt knapp", lautet ein chinesisches Sprichwort

Vermutlich würde Sebastian Wood weinen, sollten sich die Briten für einen Austritt aus der Europäischen Union entscheiden. Seine Aufgabe ist es, zu verhindern, dass dieser Sarg überhaupt einen Auftritt bekommt. Im nächsten Jahr wird es Ernst bei den Verhandlungen zwischen Briten und der EU über den veränderten Rahmen ihrer Beziehungen, und dabei wird es nicht zuletzt auf die Haltung der deutschen Kanzlerin ankommen. Wood hat also keine Zeit, lange über einen Weg für diese Verhandlungen nachzudenken. Er muss den Weg gehen und hoffen, dass er dabei entsteht.

Sebastian Wood hat in Oxford Mathematik und Philosophie studiert und ist seit 1983 für das britische Außenministerium tätig, in Bangkok, Hongkong, Washington und zuletzt in China. Er kommt mit seiner Frau Sirinat, mit der er vier Kinder hat, nur wenige Tage vor dem 25. Jahrestag der Deutschen Einheit nach Berlin. Auf die freue er sich, sagt der 54-Jährige, und dass er die Gelegenheit seiner neuen Stelle nutzen wolle, auch andere Bundesländer zu besuchen. „Nur so kann man Deutschland und seine Vielfalt wirklich kennenlernen und verstehen.“ Dass sich diese Vielfalt durch die vielen Flüchtlinge gerade vergrößert, wird für ihn nicht nur eine Frage der Landeskunde sein – es drängt sich hier ein politischer Konflikt auf, der ganz Europa, EU hin oder her, betrifft. Selbst eine Krise bei VW, das im nordenglischen Crewe die Luxusmarke Bentley produziert, hätte schnell Auswirkungen auf die britische Wirtschaft.
Die Zeit drängt, doch auch dazu sagt ein chinesisches Sprichwort: „Ein gutes Pferd springt knapp.“ Einer Unterstützung aus London kann sich Wood, der 2014 zum „Knight Commander of the Order of St. Michael and St. George“ ernannt wurde, sicher sein: Dort ist sein Vorgänger als Botschafter in Berlin, Simon McDonald, inzwischen Staatssekretär im Außenministerium.

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