Neuer Bundespräsident : Linke will eigenen Kandidaten - weiß aber nicht wen

Die Linke will einen eigenen Kandidaten in die Wahl zum Bundespräsidenten schicken - nur welchen ist noch immer nicht klar. Auch nach fast vier Stunden Beratung konnte sich die Spitzenrunde nicht einigen.

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Haben noch keinen Kandidaten: die Bundesvorsitzenden Linken, Klaus Ernst und Gesine Lötzsch.
Haben noch keinen Kandidaten: die Bundesvorsitzenden Linken, Klaus Ernst und Gesine Lötzsch.Foto: dapd

Die Linkspartei hat sich darauf verständigt, mit einem eigenen Kandidaten bei der Präsidentschaftswahl am 18. März anzutreten. Eine Spitzenrunde aus Vertretern von Parteivorstand, Fraktionsführung und Landesverbänden konnte sich aber am Donnerstag auch in fast vierstündigen Beratungen nicht einigen, wer der Kandidat oder die Kandidatin sein soll.

Parteichefin Gesine Lötzsch verwahrte sich gegen den Vorwurf von Ratlosigkeit und Unentschiedenheit. Sie nannte die Situation "komfortabel". In der engeren Wahl sind die deutsch-französische Journalistin und Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld (73), der Kölner Armutsforscher Christoph Butterwegge (61) sowie die Linken-Bundestagsabgeordnete Luc Jochimsen (75), die für die Linke schon Bewerberin bei der vergangenen Bundesversammlung 2010 war.

Prominente Berliner wählen mit
Archivbild der Bundesversammlung vom 30. Juni 2010. Damals wurde Christian Wulff gewählt, nach seinem vorzeitigen Abgang dürfte ihm nun Joachim Gauck folgen. Am 18. März werden im Reichstagsgebäude 1.240 Wahlleute abstimmen - die eine Hälfte Mitglieder des Bundestags, die andere von den Landtagen bestimmt. Unter ihnen befinden sich auch zahlreiche prominente Berliner.Weitere Bilder anzeigen
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24.02.2012 12:11Archivbild der Bundesversammlung vom 30. Juni 2010. Damals wurde Christian Wulff gewählt, nach seinem vorzeitigen Abgang dürfte...

Ein von den Linken aufgestellter Kandidat hat gegen den von Union, FDP, SPD und Grünen nominierten Bewerber Joachim Gauck zwar praktisch keine Chance. Dennoch gibt die Partei, die an den Gesprächen der anderen Parteien zur Findung eines gemeinsamen Kandidaten nicht beteiligt war, der Frage hohe Symbolwirkung.

Die Kandidatenlage war aber im Verlauf der Woche kompliziert geworden. Denn ein vor Genossen in Brandenburg am vorigen Sonntag dahingesagtes Lob Lötzschs für Klarsfeld ("Wenn ich mir eine Bundespräsidentin wünschen dürfte, dann wäre es eine Frau wie Beate Klarsfeld") wurde von dieser als Aufforderung verstanden, sich konkret zu bewerben. Klarsfeld rief bei Lötzsch an, versuchte es - vergeblich - auch bei Fraktionschef Gregor Gysi. Die 73-Jährige ist bekannt geworden, als sie 1968 den damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger ohrfeigte und als "Nazi" beschimpfte.

Die Suche nach einem neuen Bundespräsidenten in Bildern

Die Suche nach dem neuen Bundespräsidenten in Bildern
Bundespräsident in spe: Joachim Gauck im Kreis derer, die ihn nominieren.Weitere Bilder anzeigen
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19.02.2012 22:53Bundespräsident in spe: Joachim Gauck im Kreis derer, die ihn nominieren.

Zu diesem Zeitpunkt hatten andere Genossen bereits Kontakte nach Köln geknüpft. Der Politikprofessor Butterwegge genießt bei Ex-Parteichef Oskar Lafontaine und seinem Nachfolger Klaus Ernst hohes Ansehen. 2010 liebäugelte Lafontaine mit dem Gedanken, den parteilosen Wissenschaftler als Minister in einer damals als möglich erscheinenden rot-rot-grünen Landesregierung in Nordrhein-Westfalen zu installieren.

Anders als manche seiner Genossen ist Butterwegge gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen. Er hat zahlreiche Aufsätze zur Armut in Deutschland verfasst, mit den Agenda-2010-Reformen der rot-grünen Bundesregierung ist aus seiner Sicht eine "Rutsche in die Armut" errichtet worden.

Jochimsen, früher Fernseh-Chefredakteurin des Hessischen Rundfunks, wiederum hatte eigentlich schon signalisiert, dass sie nicht noch einmal antreten möchte. Auch sie würde sich wohl noch einmal in die Pflicht nehmen lassen.

Klarsfeld machte in mehreren Interviews deutlich, dass sie für die Linke keine ganz einfache Kandidatin sein würde. "Ich vertrete nicht die Politik der Linken", sagte sie dem Tagesspiegel. Und erklärte, sie wolle "kein Anti-Gauck" sein.

"Jeder hat auf seiner Seite gekämpft. Er in der DDR, ich in Westdeutschland." Gauck und sie seien durch "gegenseitige Anerkennung" verbunden. Ernst versicherte am Donnerstagabend nach der gescheiterten Kandidatenkür, es gehe nicht darauf, dass ein Linken-Bewerber "eins zu eins unser Parteiprogramm herunterbetet".

Lötzsch sagte, es handele sich bei der Aufstellung um eine "schwerwiegende Entscheidung", Bürger hätten Dutzende Vorschläge für mögliche Kandidaten unterbreitet. Die Führung wolle am Wochenende persönliche Gespräche mit Klarsfeld, Butterwegge und Jochimsen führen. Am Montag soll im geschäftsführenden Parteivorstand entschieden werden - mitdiskutieren sollen dann auch Lafontaine und Gysi.

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