Neuer Finanzminister : Wolfgang Schäuble: Kanzler im Konjunktiv

Wolfgang Schäuble soll Finanzminister werden. Warum er? Eine Analyse von Stephan-Andreas Casdorff, Chefredakteur des Tagesspiegels.

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Wolfgang Schäuble.Foto: dpa

In Zahlen nicht nur höhere Mathematik, sondern Philosophie und, ja, auch Poesie zu entdecken, ist nicht jedem gegeben. Wem der Herrgott, wie er sagen würde, diese Gabe geschenkt hat, der mag dann meistens auch Musik. Und die mag er auch, klassische, was dem entspricht, wie er ist: Wolfgang Schäuble. So wird er nun also Bundesminister der Finanzen, er führt das klassische Ressort schlechthin, das eigentliche Vetoministerium in der Bundesregierung, ist der Schatzkanzler, wie es in anderen Ländern heißt, ein Amt, an dem alles scheitern kann – es sei denn, die Kanzlerin will es doch. Auf leise, ironische Weise ist Schäuble deutlicher denn je das, was er in vorigen Jahrzehnten einmal war: Kanzler im Konjunktiv.

Das ist eine große Entscheidung, die wichtigste der Angela Merkel in allen ihren Jahren in führenden Ämtern. Heute erkennt die Kanzlerin, früh stets mehr von Schäuble als von Helmut Kohl gefördert, an, wer dem Staat in herausragender Weise dient, dienen mag. In seinem Dienen, kann man sagen, soll ihn niemand übertreffen. Schäuble, ein stolzer Mann, ist kein Vasall, kein Gefolgsmann, kein Mann im Gefolge, er ist ein Regierungsfürst aus eigenem Recht. „Wie ich über die deutsche Einheit verhandelte“ – wer so etwas in Untertitel von Büchern schreibt, offenbart dennoch seine Selbstsicht. Und er hatte sie ja auch verhandelt. Mag der andere der Kanzler der Einheit gewesen sein, er war der Architekt. Bis hin zur Finanzierung.

Sage keiner, er wäre nicht geeignet für dieses Amt in der Nachfolge solcher Männer wie Schmücker, Strauß, Schmidt, auch Steinbrück. Schmidt, der Weltökonom, der kaum einen neben sich gelten lassen würde, hält Schäuble für einen der Talentiertesten und den Diszipliniertesten. Was aus Helmut Schmidts Mund wie ein Adelsprädikat klingt. Das aber braucht der Badener Schäuble nicht, in dem noch ein bisschen von diesem Revoluzzergeist seiner Landsleute aus vergangenen Jahrhunderten wohnt. Eine Revolution des Geistes im Sinne der Freiheit, ja, der Liberalität, das wäre was… Und darum hat er sich früh schon mit Steuerreformen und einer neuen Steuersystematik beschäftigt, mit ihrer Philosophie, als andere noch mit dem Erbsenzählen befasst waren. Oder glaubt jemand, es hätte die große Steuerreform in den achtziger Jahren unter Kanzler Kohl gegeben, wenn Schäuble nicht gewesen wäre?
Er bringt ja auch gute Voraussetzungen mit, als Wirtschaftsanwalt und ehedem Staatsbediensteter im Finanzamt Freiburg. Schäuble kennt Steuergesetzgebung von unten und von oben, und die Wirtschaftsprüferei kennt er außerdem. Er hat darüber promoviert.

Manches Steuerkonzept, von dem später die Rede war, ob von Friedrich Merz oder Paul Kirchhof oder in anderen Ländern Europas, hat er früher durchdacht und hätte es ganz gern – etwas anders vielleicht – auch gemacht. Im Stillen war das seine große Liebe, seine politische Poesie in düsteren Stunden.

Rente mit 67, die er gerade erreicht hat? Weit gefehlt, jetzt ist die Zeit, da er handeln kann, wie es ihm – und ihr, der Kanzlerin – gefällt. Sie vertraut ihm, und sie vertraut sich ihm an, das ist sein bisher größter Sieg. Und dann dieses Handeln unter schwierigsten Umständen: Womöglich kommt noch einmal eine ganz große Zeit für ihn. Wer weiß, wofür es gut ist, dass er all das nicht geworden ist, was er hätte werden sollen, Bundespräsident, Bundeskanzler, Regierender Bürgermeister. Sagen wir es mit Musik, die er hört, die sie hört, Angela Merkel: Steuermann, halt die Wacht. Auch gegen die Freien Demokraten.

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