Politik : Neuer Frühling für Lateinamerika?

Befreiungstheologen fordern, der neue Papst müsse sich wieder stärker der Armut des Südens zuwenden

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Die Bekämpfung der Armut – das muss nach Ansicht von Kirchenexperten und Bischöfen in Lateinamerika die absolute Priorität des nächsten Papstes sein. „Egal, wer gewählt wird, er wird sich dem sozialen Drama nicht verschließen können“, meint der kolumbianische Theologe Carlos Novoa. In Lateinamerika sind fast 80 Prozent der Bevölkerung katholisch, die Mehrheit von ihnen bitterarm. In Lateinamerika fanden die Beschlüsse des II. Vatikanischen Konzils das größte Echo. Der Kontinent wurde zum Zentrum einer kirchlichen Erneuerungsbewegung, der Befreiungstheologie mit ihrer „Option für die Armen“ und ihrer Arbeit an der Basis. Die Armen sollten in ihren Forderungen nach mehr Gerechtigkeit aktiv unterstützt werden. Weil sie auch mit marxistisch inspirierten, politischen Befreiungsbewegungen liebäugelten, ging Papst Johannes Paul II. massiv gegen die Reformer vor.

Unvergessen ist, wie der Papst bei seinem Besuch in Nicaragua den Priester Ernesto Cardenal mit erhobenem Zeigefinger für dessen Beteiligung an der revolutionären Sandinistenregierung zurechtwies. Dem peruanischen Gründervater der Befreiungstheologie, Gustavo Gutierrez, setzte er einen stockkonservativen OpusDei-Kardinal vor die Nase, so dass sich Gutierrez in einen Orden flüchtete, um einigermaßen ungestört weiter publizieren zu können. Auch die brasilianischen Theologen Leonardo Boff und Frei Betto wurden mit Publikationsverboten bestraft und systematisch bekämpft.

„Johannes Paul II. hat mit seinem Antikommunismus die soziale Seite der Kirche in Lateinamerika platt gemacht“, resümiert der mexikanische Kirchenexperte Bernardo Barranco. „Die Sozialbilanz der katholischen Kirche in Lateinamerika ist eine Katastrophe. Als Folge davon kam es zu einer Entfremdung zwischen der Kirchenhierarchie und dem Volk.“

Enttäuschte Gläubige wandten sich zu Millionen charismatischen Freikirchen zu, die eine lebensfrohere, praxisnähere Religion anboten. „Heute ist Religion für viele Arme ein Konsumgut, keine ethisch-moralische Frage“, sagt der brasilianische Theologe Fernando Altemeyer. So verspricht etwa die Kirche des Universellen Gottesreiches in Brasilien Wunder gegen Barzahlung. Diesen Trend konnten weder die Kritik von Johannes Paul II. am Neoliberalismus noch seine karitativ inspirierte Sozialpastoral stoppen.

Unter seinem Pontifikat verdoppelte sich die Zahl der Anhänger der charismatischen Kirchen in Lateinamerika von fünf auf zehn Prozent der Bevölkerung. Zwar gelang es dem Kirchenoberhaupt, die Krise zwischen Kirchenhierarchie und Basis mit seinem persönlichen Charisma zu übertünchen, aber jetzt wird das Thema wieder aktuell. Theologen wie Gutierrez, Betto und der Salvadorianer Jon Sobrino hoffen auf einen zweiten Frühling für die Befreiungstheologie.

Vor kurzem versammelten sich die führenden progressiven Theologen Lateinamerikas in San Salvador, um über die Rolle der Laien und der Jugendlichen in der Kirche sowie über „Gott aus der Sicht der sozial Bedeutungslosen“ zu sprechen. „Nun besteht die Hoffnung auf mehr Pluralismus“, sagt der Präsident der Brasilianischen Landpastorale (CPT), Tomas Balduino. Das sieht auch der Limburger Bischof Franz Kamphaus so: „Rund die Hälfte der Katholiken lebt in Süd- und Mittelamerika. Ein Papst von dort wäre an der Zeit“, sagte er.

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