Politik : Neuer Kampf gegen alte Verbündete

Ashwin Raman

Pakistans Vorstoß gegen radikale Moslemgruppen entspannt den Konflikt mit Indien um Kaschmir - zumindest ein wenig, zumindest vorläufig. In einer der wichtigsten politischen Reden seit der Entstehung Pakistans hat Präsident Pervez Musharraf am Samstag das Verbot mehrerer radikaler Parteien bekannt gegeben.

Doch Musharraf will noch mehr: In Zukunft sollen neue Moscheen und Madrassas (Islamschulen) nur mit Genehmigung des Innenministeriums eingerichtet werden. Ausländische Lehrer und Schüler brauchen ab sofort eine Sondergenehmigung. Musharraf untersagte Lautsprecheranlagen, die zur Verbreitung von fundamentalistischen religiösen und politischen Botschaften genutzt werden. Die Moscheen dürfen mit solchen Anlagen nur noch zum Gebet aufrufen. Predigten müssen künftig zur Zensur vorgelegt werden.

Wie erwartet, reagierte Indien zurückhaltend auf Musharrafs Rede. Außenminister Jaswant Singh sagte: "Wir wollen jetzt Taten sehen. Die von uns gesuchten 20 Terroristen sind immer noch auf freiem Fuß, obwohl wir Pakisten mit Details versorgt haben." Darüber hinaus lehnte er Musharrafs Vorschlag zu Vermittlungsbemühungen durch Dritte in Kaschmir ab. Inzwischen hat Indien dem Pentagon eine erweiterte Liste mit den 42 meist gesuchten Terroristen eingereicht.

Die vom Verbot betroffenen Parteien wollen sich nicht beugen. Ein Sprecher der Lashkar-e-Toiba, Abdullah Sayysaf sagte: "Wir werden den Dschihad (heiligen Krieg) in Kaschmir auf jeden Fall weiterführen. Musharraf hat kein Recht, uns das zu verbieten." Syed Munawaar Hassan, der Emir der einflussreichen Jamat-i-Islami meinte, mit der Rede habe Musharraf "vor den USA und dem Westen gekrochen".

Kaum war die Fernsehübertragung von Musharrafs Rede beendet, wurden Büros der verbotenen Pateien von der Polizei versiegelt. Allein in Karachi wurden über 300 Aktivisten festgenommen. In Jacobabad, Sukkur, Hyderabad und Nawabshah gab es weitere Festnahmen. Doch die radikalen Gruppen waren vorbereitet. Sie wollen in Zukunft nicht als einzelne Gruppierungen, sondern in einer Gemeinschaftsfront agieren. Es soll auch nicht mehr öffentlich rekrutiert werden. Erfahrene Dschihadkämpfer sollen stattdessen Einzelne ansprechen. Spendengelder der Organistionen werden zudem auf private Konten verschoben.

Der Großteil der militanten Gruppen hat bereits die Hauptquartiere nach Azad Kaschmir in den pakistanischen Teil Kaschmirs verlegt. Hier gelten sie als Freiheitskämpfer - sogar mit der Zustimmung Islamabads. Ein pakistanischer Geheimdienstler sagte dem Tagesspiegel: " Es gibt schätzungsweise 5000 gut trainierte Guerillakämpfer in Pakistan. Es ist für uns schwer, gegen sie vorzugehen. Wir wissen nicht immer, wer ein Dschihadi ist und wer nicht. Und vor dem 11. September sollten wir diese Leute offiziell unterstützen, ihnen sogar Waffen geben."

Unterstützt werden die Gruppen auch in Ministerien und Behörden im Lande. Beispielsweise nahm sich ein stellvertretender Direktor der für innere Sicherheit zuständigen Federal Investigations Agency im November Urlaub, um an der Seite der Taliban in Kundus zu kämpfen. Nun hat er seine Arbeit wieder aufgenommen. Ein hoher Beamter des Verteidigungsministeriums ließ sich für drei Monate freistellen, damit er mit den Lashkar-e-Toiba in Kaschmir kämpfen konnte.

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