Politik : Neuer PDS-Fraktionschef: Ruhe ist jetzt oberste Genossenpflicht

Matthias Meisner

Zu einem "Neuanfang" habe sich die Fraktion bekannt, sagt Claus - und die PDS-Punkerin schnauft genervt. Auf "neuen Feldern" werde die Partei Einfluss gewinnen, sagt der gerade gewählte Fraktionsvorsitzende - und Marquardt gähnt demonstrativ.

Nein, diese Fraktionssitzung am Montag im Reichstag hat Angela Marquardt nicht froh gemacht. Fest entschlossen war die 29-Jährige, als stellvertretende Fraktionsvorsitzende anzutreten - weil ihr der Wechsel von Gregor Gysi zu Roland Claus und von Lothar Bisky zu Gabi Zimmer zu wenig ist: "Das als Generationenwechsel und Aufbruch zu verkaufen, das sind dann doch zu viel Vorschusslorbeeren."

Die ganze Nacht vor der Fraktionssitzung haben führende Genossen zugebracht, Marquardt den Plan auszureden - so wie schon dem Schweriner Vize-Ministerpräsidenten Helmut Holter klar gemacht wurde, dass er auf dem PDS-Bundesparteitag am übernächsten Wochenende in Cottbus nicht als stellvertretender Parteivorsitzender kandidieren soll. Abstimmungsniederlagen wollen die Reformer in der Spitze gegenwärtig nicht riskieren. Die Niederlage des Parteitages im April in Münster, als die Führung in der Abstimmung zur Friedenspolitik unterlag, steckt noch in den Knochen.

Und so läuft in der Fraktionssitzung alles ziemlich glatt: Mit 31 gegen vier Stimmen bei zwei Enthaltungen wird Claus zum Nachfolger von Gysi bestimmt, der die Bundestagsabgeordneten zehn Jahre lang geführt hatte. Planmäßig werden Christa Luft und Wolfgang Gehrcke als Stellvertreter bestätigt. Neu bekommt diesen Posten, wenn auch mit dem schlechtesten Ergebnis, die Berliner PDS-Chefin Petra Pau: Gegen sie wäre Marquardt angetreten. Heidi Knake-Werner folgt als parlamentarische Geschäftsführerin Claus im Amt.

So weit, so routiniert: Doch alle im Saal ahnen, vor welch schwierigen Zeiten die PDS steht. "Dies ist eine andere Partei", sagt Bisky nach der Wahl von Claus. Schon vorher hatte er den Rückzug Gysis eine "historische Zäsur" genannt. Auch wenn die Chance bestehe, ihn im Amt zu ersetzen: "Sein Talent können wir nicht ersetzen." "Kopf hoch, nicht die Hände", dieses Bild passe wohl am besten auf Gysi. Als Medienstar, als Markenzeichen werde er fehlen: "Gregor hat rhetorische Maßstäbe gesetzt." Christa Luft über den zehn Mal 365 Tage dauernden Marathon ihres scheidenden Fraktionschefs: Erst skeptisch, dann neugierig und staunend und schließlich applaudierend hätten die Menschen am Wegesrand gestanden.

Noch einmal bekommen die Abgeordneten ihren eloquenten Star eindringlich zu hören. In seiner Vermächtnisrede mahnt Gysi, dass die PDS nur als "Teil der Gesellschaft" diese auch verändern könne. Er redet über den Spagat zwischen der Ein-Prozent-Partei im Westen und der 20-Prozent-Partei im Osten, über die großen Unterschiede zwischen Mitgliedschaft und Wählerschaft. "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht beliebig werden." Höllisch aufpassen müsse die PDS, "dass sie nicht zum Selbstzweck wird": Es sei nicht hinnehmbar, wenn sich die Partei zu 80 bis 90 Prozent mit sich selbst beschäftige. Über das zuweilen "unerträgliche" Klima der Denunziation in den eigenen Reihen spricht Gysi, und über die oft fehlende Toleranz. "Wie in einem Therapieverein" sei er sich gelegentlich in der PDS vorgekommen. Aber jetzt klingt es, als habe er Sorge, dass der Laden bald auseinanderfliegt.

Eine Debatte über Gysis Rede findet in der Fraktion nicht statt. Claus lediglich versichert nach seiner Wahl, die Partei werde "auf dem eingeschlagenen Weg" fortführen. Es hört sich so an, als ob Ruhe jetzt die erste Pflicht der Genossen ist. Und damit das Wort der Krise nicht weiter die Runde macht, soll auch beim Bundesparteitag in Cottbus alles glatt laufen: Das Tableau für die engere Führung ist festgezurrt. Für Unruhe sorgen kann nur noch die Europaabgeordnete Sylvia-Yvonne Kaufmann, die entgegen der Vorabsprachen als Parteivize antreten will - ausgerechnet die Frau, die mit einer flammenden Rede auf dem Münsteraner Parteitag die Niederlage der Führung maßgeblich herbeiführt hat. Sollte nicht Angela Marquardt wenigstens da ihren Hut in den Ring werfen? Doch die winkt ab: Nun sei ihr der Studienabschluss doch wichtiger.

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