Neuer Präsident : Wulff wird's: Chance vertan

Christian Wulff heißt der Mann, der an der Spitze Deutschlands stehen soll. Bundespräsident, oberster Repräsentant des Staates, Erster unter 80 Millionen Bürgern. Moment mal. Wieso eigentlich Christian Wulff?

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Alle für einen - aber auch einer für alle? Christian Wulff (2. v. r.) bei der Präsentation in Berlin.Weitere Bilder anzeigen
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13.06.2010 17:15Alle für einen - aber auch einer für alle? Christian Wulff (2. v. r.) bei der Präsentation in Berlin.

Drei Tage lang hat sich Deutschland auf Ursula von der Leyen gefreut. Charmant, intelligent, kenntnis- und vor allem bekenntnisreiche Politikerin: Eine Frau, die im Leben steht, die sieben Kinder aufzieht, erfolgreich berufstätig ist. Die – und das ist, pardon: wäre – das Wichtigste gewesen: Eine Frau, die diesem von Krisen und Missbrauch und den Kräften der Vergangenheit festgehaltenen Land Schwung und Kraft und Mut hätte geben können. Zuversicht in einer schweren Zeit.

Aber nein: Nicht Ursula von der Leyen sondern Christian Wulff will die schwarz-gelbe Koalition am 30. Juni zum zehnten Bundespräsidenten wählen. Den Mann, von dem man nicht weiß, wofür er steht, wofür er brennt. Ob er überhaupt für eine Sache mit Pathos eintreten kann. Nettes Lächeln, Neunziger-Jahre-Typ mit V-Ausschnitt-Pullover: „Liebling aller Schwiegermütter“ wird er genannt. Einer, der vor kurzem noch gesagt hat, dass er sich das Amt des Bundeskanzlers nicht zutraut. Aber Bundespräsident, dafür hat er die Courage.

Es war eine Chance für Angela Merkel und ihre schwarz-gelbe Crew. Nach dem verpatzten Auftakt der ersten Regierungsmonate, in denen die bis dato so geschätzte Regierungchefin in weiten Teilen der Bevölkerung ihr Image als ruhige und besonnene Krisenkanzlerin Stück für Stück verloren hat, hätte die Flucht des Herrn Köhler aus dem Schloss Bellevue – so schicksalhaft sie auch am Ende dieser tragischen Zeit – für Merkel zum Befreiungsschlag taugen können. Seht her: Diese Kanzlerin behält selbst im größten Chaos noch die Nerven, ist in der Lage, das Land zu führen und seine demokratischen Strukturen zu schützen.

Vorbei. Drei Tage lang haben uns Merkel, Westerwelle und ihre Mannschaft vorgeführt, wie man Hoffnungen weckt. Und wie man sie zerstört. Drei Tage lang schien es, als habe die Kanzlerin das Schicksalhafte dieses Augenblicks erkannt, die Chance beherzt ergriffen und mit festem Schritt nach dem nächsten Bundespräsidenten gesucht. Keine eilige windelweiche Lösung, keine Proporz-Abwägung, die jeden Flügel in ihrer eigenen Partei zufriedenstellt. Kein machtstrategisches Geschiebe, das allein Politikinsidern sinnhaft hätte erscheinen können, das die Menschen jedoch nicht verstehen und das sie deshalb irritiert, ja abstößt. Stattdessen eine Lösung, die dem Amt des Staatsoberhauptes angemessen ist, die die ohnehin verunsicherten Menschen überzeugt und die natürlich auch zeigt, dass dieses Land regiert wird. In die Zukunft hinein und nicht aus der Vergangenheit heraus.

Nein, nach einer solchen Woche wäre nicht vergessen gewesen, welchen Fehlstart Union und FDP hingelegt haben, wie sie nun vor dem Scherbenhaufen ihres falsch verstandenen Lieblingsbündnisses stehen. Noch immer wäre der Schuldenberg nicht geschmolzen, die Finanzmärkte wären nicht in ihre Schranken gewiesen und das Land gerechter geworden. Seine Menschen jedoch hätten etwas Hoffnung schöpfen können, dass die Kanzlerin es vielleicht doch noch schafft. Einen Schuss, sagt der erfahrene Jäger, hat man frei, wenn das ersehnte Wild unverhofft für einen Moment auf der Lichtung erscheint. Angela Merkel jedoch, so stellt sich der Ablauf dieser drei Tage dar, hat angelegt, gezielt – und sich dann doch noch mal umgedreht.

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