Politik : Neuer Realismus

Der Bundespräsident besucht Afrika – zuerst das Krisenland Sierra Leone

Ulrike Scheffer

Berlin - Der Bundespräsident hätte es sich leichter machen können. Seine erste große Auslandsreise führt ihn nicht nur auf den weithin als Katastrophenregion abgestempelten afrikanischen Kontinent, als erste Station hat sich Horst Köhler noch dazu ein Dauerkrisenland ausgesucht: Sierra Leone. „Das spricht dafür, dass der Bundespräsident mit mehr Realismus an Afrika herangeht als andere Politiker, die nur so genannte Vorzeigeländer besuchen“, sagt der Direktor des Hamburger Instituts für Afrika-Kunde, Andreas Mehler. Wer das Bewusstsein für Afrika schärfen wolle, der müsse sich den Problemen stellen und deutlich machen, dass sie nicht von heute auf morgen gelöst werden können.

Sierra Leone, wo Köhler und seine Frau Eva am Montag erwartet werden, versucht nach einem der brutalsten Bürgerkriege der jüngeren Vergangenheit den Weg zurück in die zivilisierte Staatenwelt zu finden. Durch seinen dreitägigen Besuch wolle der Bundespräsident den Friedensprozess würdigen, heißt es im Bundespräsidialamt. „Das Beispiel Sierra Leone zeigt: Man darf kein Land aufgeben oder abschreiben“, sagte Köhler in seiner viel beachteten Tübinger „Weltethos-Rede“ in der vergangenen Woche. Dort wiederholte er zudem, was er schon in seiner Antrittsrede erklärt hatte: „Für mich entscheidet sich die Menschlichkeit unserer Welt am Schicksal Afrikas.“

Vor seiner Reise sprach sich Köhler für eine Aufstockung – auch der deutschen – Entwicklungshilfe aus, forderte zugleich aber mehr eigene Anstrengungen der afrikanischen Staaten im Kampf gegen Armut und Gewalt. Erwartungen knüpft der Präsident vor allem an die Nepad-Initiative der in Äthiopien ansässigen Afrikanischen Union, in der sich die Afrikaner zu ihrer Verantwortung bekennen. Köhler wird Äthiopien nach Sierra Leone und Benin als drittes Land bereisen, bevor er zum Abschluss das deutsche Marinekontingent in Djibouti besucht.

Die Frage „Horst … wer?“ dürfte dem neuen Bundespräsidenten in Afrika im Übrigen kaum begegnen. Als Chef des Internationalen Währungsfonds war Köhler in den vergangenen Jahren häufig auf dem Kontinent unterwegs. Deshalb könne er selbst heikle Themen wie Korruption und gute Regierungsführung kompetent ansprechen, sagt Afrikaexperte Mehler. „Man wird ihm dort zuhören – auch, wenn über das deutsche Interesse an einem Sitz im UN-Sicherheitsrat gesprochen wird.“

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