Neuer Staatschef : Kroaten entscheiden in Stichwahl

Unter zwölf Kandidaten für das Amt des Staatschefs konnten die Kroaten am Wochenende wählen. Die absolute Mehrheit erreichte keiner der Politiker. Nun müssen sich die Wähler zwischen einem Feingeist und einem Populisten entscheiden.

Veronika Wengert

Zagreb - Bei den kroatischen Präsidentschaftswahlen am Sonntag hatte keiner der zwölf Kandidaten die absolute Mehrheit erreicht. In einer Stichwahl, die für den 10. Januar festgesetzt ist, werden sich zwei höchst unterschiedliche Kandidaten gegenüberstehen: Der feingeistige Juraprofessor und Komponist Ivo Josipovic, der für die oppositionellen Sozialdemokraten antritt. Und sein ehemaliger Parteigenosse Milan Bandic, Bürgermeister der Hauptstadt Zagreb, der mit kernigen Sprüchen und Affären von sich Reden macht.

In Führung liegt Josipovic, der 32,4 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinigen konnte. Und damit den Zweitplatzierten, Milan Bandic, mit 14,8 Prozent deutlich hinter sich lässt. Josipovic gilt als höflich, gebildet und zurückhaltend. 1957 in Zagreb geboren, studierte er zunächst Jura und anschließend an der Musikakademie. Mehr als 60 Titel und Aufsätze umfasst seine Publikationsliste im Bereich Strafrecht. Josipovic hält nicht nur an der Zagreber Jura-Fakultät Vorlesungen, sondern auch an der dortigen Musikakademie. Für seine klassischen Kompositionen erhielt er bereits mehrere Auszeichnungen. Das politische Parkett betrat er erst spät, seit sechs Jahren vertritt er die Sozialdemokraten im Parlament. In den Negativ-Schlagzeilen der Zeitungen sucht man seinen Namen vergebens. Einer der Gründe, warum ihn kroatische Medien immer wieder mit dem Adjektiv „farblos“ oder gar „langweilig“ behaften. Und politische Beobachter und Gegner interpretieren diese Zurückhaltung gar als Schwäche.

Die Tageszeitung „Jutarnji list“ sieht in Josipovics ruhiger Art einen wesentlichen Unterschied zur politischen Führungsriege im Land. Kroatien habe genug von einer „prädemokratischen Kultur“, die sich zum Teil noch aus den neunziger Jahren hinübergerettet habe. Und nach dem Trauma mit dem im Juli völlig überraschend zurückgetretenen konservativen Ex-Premierminister Ivo Sanader von der Kroatischen Demokratischen Gemeinschaft (HDZ) wünsche sich das Land keine charismatischen politischen Führer mehr.

Bandic dagegen gilt als volksnaher Populist, der mit kernigen Sprüchen immer wieder von sich Reden macht. Der 54-Jährige wurde in der Herzegowina geboren, war Ministrant, kam 1974 mit einem Stipendium zum Politikstudium nach Zagreb. Und trat seine erste Stelle in einem Kühlhaus an, bei Minus 25 Grad Celsius, um das Stipendium wieder zurückzahlen zu können. Ein Pragmatiker, was Bandic in seinen Reden immer wieder betont, teils auch recht salopp: „Gehen wir an die Arbeit“, so sein Wahlslogan, oder seine Beteuerung, dass er „wie ein Pferd für Kroatien arbeiten werde“.

Seine politische Karriere begann Bandic 1993 bei den Zagreber Sozialdemokraten, er wurde zunächst Stadtrat, dann Parteichef und seit 2000 bereits zum vierten Mal Bürgermeister von Zagreb. Ganz so nahtlos ist seine politische Karriere allerdings nicht verlaufen: 2002 wurde er angetrunken am Steuer erwischt, versuchte daraufhin, den Verkehrspolizisten mit Schmiergeld zu bestechen und musste seinen Sessel im Rathaus räumen. Doch die Bevölkerung stimmte drei Jahre später erneut für Bandic. Veronika Wengert

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