Politik : Neuer Terror in Israel: Aus den Trümmern ragen Kinderwagen

Charles A. Landsmann

Die Worte, die Israels Minister für Innere Sicherheit, Uzi Landau, nach dem Attentat mitten im Zentrum von Jerusalem wählte, waren klar: "Der Anschlag hat sich gegen Mütter, Kinder und Babys gerichtet. Wir werden uns daran gewöhnen müssen". Tatsächlich ist die Pizzeria "Sbarro", in der sich ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengte und mindestens 16 Menschen mit in den Tod riss, während der großen Sommerferien zur Mittagszeit vor allem mit Müttern und Kindern überfüllt. "Ich hörte einen lauten Knall, und als ich aus dem Laden kam, sah ich eine Frau mit einem blutenden Baby", schilderte ein Passant den plötzlich über Jerusalem hereingebrochenen Terror. "Die Straße war voller Blut."

Der Jerusalemer Bürgermeister Ehud Olmert erklärte: "Wir sind in einem Krieg, und in einem Krieg gibt es bedauerliche Fälle, in denen man Verluste nicht vermeiden kann. Wir werden mit der Regierung von Israel zusammenarbeiten, um jeden zu fassen, der für Terror verantwortlich ist, sie zu jagen und zu töten." In der Straße vor dem zerstörten Restaurant schrien junge Israelis: "Tod den Arabern!" Sie trugen T-Shirts mit dem Aufdruck: "Keine Araber - keine Angriffe."

Die Drahtzieher des Anschlages wussten, dass sie mit ihrem Attentat eine maximale Wirkung erzielen würden - genauso wie die Täter, die den Anschlag auf eine Discothek in Tel Aviv im Juni zu verantworten hatten. Das Attentat hatte damals 21 Todesopfer und rund 100 Verletzte gefordert. Der Täter war gezielt in eine Menge Jugendlicher hineingeschickt worden.

Diesmal betrat der 23-jährige Selbstmord-Attentäter das vollbesetzte Restaurant an der Ecke der belebten Jaffa- und King-George-Straße. Hundert Meter entfernt, auf dem Zionsplatz, war vor Jahrzehnten der erste tödliche Bombenanschlag überhaupt erfolgt. Fast auf die Minute um 12 Uhr mittags zündete der aus dem Flüchtlingslager Jenin stammende Täter die mehrere Kilo schwere, mit Nägeln befüllte Bombe an seinem Körper.

16 Gäste, darunter sechs Kinder, wurden nach Angaben der israelischen Regierung sofort getötet oder erlagen kurz danach den erlittenen schweren Verletzungen. Der Zustand von fünf weiteren galt als kritisch. Die Explosion war derart gewaltig, dass sie das gesamte Restaurant vollständig zerstörte und die herumfliegenden Splitter der riesigen Schaufensterscheiben in weitem Umkreis Passanten verletzten.

Die extremistischste Islamisten-Gruppierung, der "Islamische Heilige Krieg (Jihad)", übernahm zuerst über den "Hisbollah"-Sender in Beirut die Verantwortung. Die mit ihr konkurrierende "Hamas" teilte später mit, der Anschlag sei ein Racheakt für die Liquidierung der beiden Hamas-Anführer in Nablus, bei dem weitere sechs Palästinenser, darunter zwei Kinder, durch israelische Raketen getötet wurden.

Wie auch bei vorangegangenen Terror-Akten hat Palästinenserpräsident Jassir Arafat hat den Selbstmordanschlag in der Pizzeria verurteilt. In einer von der palästinensischen Nachrichtenagentur Wafa verbreiteten Erklärung hieß es, die palästinensische Seite verdamme generell derartige Gewalttaten gegen Zivilisten, Israelis und Palästinenser.

Hamas-Chef Abdul Aziz Rantissi rief dagegen die Israelis auf Hebräisch auf, Scharon "nach Hause zu schicken, nach Russland". Arafats Stellvertreter Abu Mahsen distanzierte sich für alle Palästinenser: "Das palästinensische Volk hat damit nichts zu tun."

Spontan oder auf Befehl von oben räumten Polizisten und Beamte in den palästinensischen Gebieten sofort alle öffentlichen Gebäude, darunter Kommandaturen, Kasernen und Basen. Doch der erwartete große Vergeltungsschlag, der gemäß israelischer Regierungs-Doktrin sofort hätte erfolgen sollen, blieb bis zum Abend aus. Scharon rief erst viele Stunden nach dem Anschlag das Sicherheitskabinett ein, nachdem ihn mehrere Minister massiv dazu gedrängt hatten. In den palästinensischen Gebieten erwartete die Bevölkerung den Vergeltungsschlag. Alle öffentlichen Gebäude wurden geräumt.

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