Politik : Neues aus dem Allgäu

In der CDU ist man nach Stoibers Reden über den Osten konsterniert – und fürchtet um die Wahlchancen

Robert Birnbaum

Berlin - Das Schweigen der Führenden ist dröhnend in all dem empörten Aufschrei, aber das sagt ja eigentlich auch schon alles. Es hat ihnen die Sprache verschlagen, jedenfalls die öffentliche. „Wenn die Union meint, sie hat keinen politischen Gegner mehr, stellt sie sich selbst auf“, stöhnt intern einer aus dem Umkreis der CDU-Spitze. Aufgestellt hat sich Edmund Stoiber, und zwar auf den Dorffestplatz des Weilers Argenbühl im Allgäu. Und da hat er, Bayer unter Gleichgesinnten, mal kräftig Dampf abgelassen über die Ossis. „Ich akzeptiere es nicht, dass letzten Endes erneut der Osten bestimmt, wer in Deutschland Kanzler wird“, hat der CSU-Chef getönt, hat bei der Gelegenheit an die hunderte Milliarden erinnert, die man seit Jahren den neuen Ländern überweise, und abschließend bekräftigt: „Es darf nicht sein, dass letztlich die Frustrierten über das Schicksal Deutschlands bestimmen.“

Das war am vorigen Donnerstag. Manfred Sendlinger hat die Kernsätze aufgeschrieben für seine Zeitung, den „Westallgäuer“. Jemand in Berlin hat sie gelesen. Die „Leipziger Volkszeitung“ hat sie nachgedruckt. Am Mittwoch hat die Union im Wahlkampfteam beschlossen, dass die CDU in Ostdeutschland das Wahlziel „stärkste Partei“ anstrebt. Jetzt geht die Furcht um, „dass wir froh sein können, wenn wir Platz zwei behaupten“, sagt ein CDU-Abgeordneter.

CSU-Generalsekretär Markus Söder hat zwar noch in der Nacht zum Donnerstag zu retten versucht, was zu retten sein möchte: Mit den „Frustrierten“ seien die Linksparteiler Oskar Lafontaine und Gregor Gysi gemeint gewesen. Aber derlei Auslegung gibt nicht einmal die Zusammenfassung der Stoiber-Rede her, die im „Westallgäuer“ zu lesen war. „Es gehört schon sehr viel Interpretationskunst dazu“, sagt auch der Journalist Sendlinger – zumal er sich gut erinnert, dass zwischen den Namen Lafontaine und Gysi und dem Wort von den „Frustrierten“ noch reichlich Text gewesen sei, den er nicht so wichtig fand und wegließ.

Es hätte sowieso nichts genutzt. Am Mittwochabend war Stoiber in der Oberpfalz, in Schwandorf. Diesmal dokumentierte ein Rundfunkjournalist die Wiederholungstat. „Ich will nicht, dass noch einmal im Osten die Wahl entschieden wird“, hören auch die Schwandorfer. Und dass die CSU ein starkes Ergebnis brauche, um „Defizite in Sachsen und Sachsen-Anhalt ausgleichen zu können“. Denn: „Wir haben leider nicht überall so kluge Bevölkerungsteile wie in Bayern.“

Die Ossis als Deppen, auch noch undankbare trotz West-Entwicklungshilfe – schwer vorzustellen, wie man Wähler in den neuen Ländern effektiver verprellt. „Man darf keinen Wahlkampf gegen die Wähler in Ostdeutschland führen, weil wir die Wahl sonst nicht gewinnen können“, sagt ein CDU-Vorständler. Aber was tun? Am Abend stellte Merkel im ZDF klar: „Wählerbeschimpfung ist das Falsche. Alles, was zur Spaltung Deutschlands beitrage, „ob gewollt oder nicht, ist völlig kontraproduktiv“. Ein CDU-Spitzenmann: „Sie kann den Stoiber ja nicht rausschmeißen.“ Der Bayer zeigt sich via „Bild“ missverstanden: „Ich beschimpfe niemanden. Ich möchte wachrütteln.“ Was gelungen ist, nur schüttelt es die Falschen. Sich den Ossis direkt zu erklären, hat Stoiber nicht vor. Sein Wahlkampfplan führt noch drei Länder auf: NRW, Hessen – und Bayern, Bayern, Bayern.

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