Politik : Neugierig bleiben

Entwicklungspsychologe Fthenakis warnt: In der Krippendebatte nicht nur über die Zahl der Plätze reden

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Berlin - Alle reden übers Geld für den Ausbau von Krippenplätzen, kaum jemand über die Qualität der Betreuung. Für Wassilios E. Fthenakis, Professor für Entwicklungspsychologie und Anthropologie an der Freien Universität Bozen, geht die derzeitige Debatte in Deutschland um Betreuung für unter Dreijährige denn auch von falschen Prämissen aus: Diese „seit 25 Jahren vernachlässigte“ Entwicklung sei überfällig – aber nicht in erster Linie wegen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Vielmehr müssten die „notwendigen ergänzenden Bildungschancen, die wir für die Kinder bereitstellen sollten“, im Vordergrund stehen, sagte Fthenakis dem Tagesspiegel.

Das Credo von Fthenakis, der als einer der profiliertesten Experten im Bereich der frühkindlichen Bildung gilt, heißt: „Bildung beginnt mit der Geburt.“ Rund jede dritte Familie in Deutschland kann nach seinen Erkenntnissen „dem Bildungsanspruch und der Lernneugier ihrer Kinder nicht gerecht werden“. Für diese Kinder müssten optimale Lern- und Entwicklungsbedingungen geboten werden – als Ergänzung und Bereicherung des familiären Rahmens.

Dass die neuen Bundesländer, wo es ein ausreichendes Angebot an Krippenplätzen gibt, mit Hinweis auf den gebotenen Ausbau der Qualität auch Bundesmittel für sich reklamieren, beurteilt Fthenakis differenziert: Zwar sei der Anspruch einer höheren Betreuungsqualität gerechtfertigt. Zugleich müsse der Osten zur Kenntnis nehmen, dass er seit 17 Jahren mit dem Solidarpakt vom Westen unterstützt werde. Nun müsse gesamtgesellschaftlich gedacht werden – und da sei der Bedarf im Westen eben ungleich größer. „Wir dürfen nicht nur Einrichtungen aufbauen“, sagt der Experte. „Wir müssen zugleich ein qualitativ hochwertiges Konzept umsetzen. Das betrifft den Osten und den Westen gleichermaßen.“

Dafür gebe es Vorbilder. England etwa verfüge über ein „wunderbares Konzept“. „Wir haben es gemeinsam mit der Bertelsmann-Stiftung ins Deutsche übersetzt – nicht um es eins zu eins umzusetzen, aber es ist ein Prototyp, der uns hilft, das eigene Konzept zu entwickeln.“ Das dürfe nicht primär aus der institutionellen Perspektive entworfen werden, sondern müsse von der Perspektive der Familie ausgehen und dann die Anforderungen an die anderen Bildungsorte – Krippen, Tagesmütter und so weiter – formulieren. Und es müsse sie verpflichten, aufs engste mit der Familie zu kooperieren – „damit endlich diese ungerechtfertigten Vorbehalte und ideologischen Gräben, die das Land beherrschen, verschwinden“.

Ein entscheidendes Problem sei die Qualifikation des Personals, sagte Fthenakis: „Je jünger die Kinder sind, desto qualifizierter muss das Personal und umso enger muss die Kooperation mit der Familie sein.“ Das umfasse sowohl die pädagogische Qualität der Betreuung als auch vor allem die frühkindliche Bildung. Es müsse deshalb „ein qualitativ fundiertes und umfassendes Professionalisierungsprogramm aufgelegt werden“. Das Programm gebe es bereits. „Nun müssen die Mittel und die Organisation her, um es zu implementieren“, sagte Fthenakis.

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