Politik : Neun Jahre zum Prozess um Rostock

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Neun Jahre nach den schweren ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen hat am Dienstag in Schwerin der vermutlich letzte Prozess gegen mutmaßliche Täter begonnen. Drei Männern, die heute zwischen 26 und 28 Jahre alt sind, werden versuchter Mord, schwere Brandstiftung und schwerer Landfriedensbruch vorgeworfen. Im August 1992 hatten Rechtsradikale in Lichtenhagen ein Asylbewerberheim und eine Unterkunft für vietnamesische Arbeiter in Brand gesetzt.

Im Zusammenhang mit den Ausschreitungen wurden in Rostock in mehreren Prozessen 35 Personen verurteilt, der erste Angeklagte stand im Februar 1993 vor Gericht. Wegen der ungewöhnlich langen Dauer bis zum Beginn der Hauptverhandlung ist das Schweriner Landgericht in die Kritik geraten. Die Staatsanwaltschaft erhob bereits im April 1995 Anklage. Das Gericht begründete die Verzögerungen mit der Überlastung der zuständigen Jugendstrafkammer. So wurden mehrere Fälle vorgezogen, bei denen die Beschuldigten in Untersuchungshaft saßen. Die drei wegen der Krawalle in Rostock Angeklagten waren hingegen auf freiem Fuß. Im Schweriner Justizministerium hat man kaum Verständnis für die Arbeitsorganisation am Landgericht. Justizminister Ernst Sellering (SPD) spricht von einem "bedauerlichen Ausreißer". Das Verfahren gegen einen vierten Tatverdächtigen wurde eingestellt, weil der ihm zur Last gelegte Landfriedensbruch bereits verjährt ist.

Wegen der langen Verfahrensdauer forderte die Verteidigung am Dienstag die Einstellung des Prozesses. Der Staatsanwaltschaft zufolge fuhren die drei Angeklagten nach Beginn der Krawalle von Schwerin nach Rostock, um sich an den Ausschreitungen zu beteiligen. Die Angeklagten sollen in das Wohnheim der Vietnamesen gewaltsam eingedrungen sein und später Brandsätze auf das Haus geschleudert haben. Sie hätten den Tod der Hausbewohner billigend in Kauf genommen, so die Staatsanwaltschaft. Das Motiv sei Ausländerfeindlichkeit gewesen. Die Ausschreitungen hatten mehrere Tage gedauert. Hunderte rechtsextremistische Jugendliche warfen Brandsätze und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Die Bilder von den Krawallen und vom Beifall der Schaulustigen gingen um die Welt.

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