Politik : Neuwahlen in Israel: Barak verliert die Unterstützung der gemäßigten Religiösen

Charles A. Landsmann

Israels Ministerpräsident Ehud Barak kann bei der Wahl nächste Woche kaum eine Stimme aus dem religiösen Lager erwarten. Sein klar favorisierter Gegenkandidat Ariel Sharon bemüht sich, den Eindruck zu erwecken, als hätte er sich "aus der religiösen Umarmung befreit".

Die Würfel sind gefallen: Keine einzige religiöse oder gar ultrareligiöse Partei wird Barak unterstützen. "Meimad", die gemäßigte religiöse Partei, hat Stimmfreigabe beschlossen. Der Beschluss des Landesrates überraschte Baraks Wahlzentrale, denn "Meimad" ist nicht nur in Baraks Mini-Regierung nach wie vor vertreten, sondern war vor den letzten Wahlen ein Wahlbündnis mit der Arbeitspartei eingegangen.

"Meimad" ist von Barak enttäuscht: Seine Konzessionen in den Verhandlungen mit den Palästinensern gehen ihr in Bezug auf Jerusalem und namentlich den Tempelberg viel zu weit. Dass er nun noch in seiner Wahlkampagne seine "Zivile Revolution", die eigentlich besser "Säkulare Reform" heißen sollte, wieder auferstehen ließ, gab wohl den Ausschlag für die Verweigerung jeglicher Unterstützung.

Baraks Gegenkandidat Ariel Sharon - laut Gallup-Umfrage vom Dienstag führt er mit 52 Prozent gegenüber 32 Prozent für Barak - kennt keine solche Sorgen. Er profitiert in erster Linie von der bereits zur Tradition gewordenen Priorität der National- und Ultrareligiösen für die politische Rechte und deren Kandidat, sowie von Baraks Fehlern: Dessen Eintreten für öffentlichen Busverkehr am Sabbat und die Ziviltrauung verprellten die Religiösen.

Sharons Sorge gilt seinem Image, dem gemäß ihn die Religiösen "zu umarmen drohen", also ihn mit ihren Forderungen regelrecht erwürgen. Stunden vor der "Meimad"-Entscheidung gegen Barak überstand Sharon in der Kleinstadt Migdal Haemek einen Hochseilakt. An der Wahlkundgebung nahmen die zwei wichtigsten örtlichen Bevölkerungsgruppen teil: Die religiösen Wähler der sefardischen Shas-Partei und die "Russen", die streng laizistischen Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Sharon bediente sich einer List: An die Einwanderer wandte er sich auf Russisch mit vielen Versprechungen, um danach in für diese unverständlichem kompliziertem Hebräisch den Shasniks fast das Gegenteil in Aussicht zu stellen. Schwergewichtig stellte er sich auf die Bühne und rief den schmächtigen, zuerst überraschten und danach peinlich berührten Shas-Fraktionschef Yitzchak Cohen auf, sich neben ihn zu stellen, um grinsend festzustellen: "So einer kann doch mich nicht in den Würgegriff nehmen".

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