• Newsblog zur Flüchtlingskrise: 4300 Flüchtlinge an einem Tag aus dem Mittelmeer gerettet
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Newsblog zur Flüchtlingskrise : 4300 Flüchtlinge an einem Tag aus dem Mittelmeer gerettet

Allein am Samstag sind mehr als 4300 Flüchtlinge aus dem Mittelmeer gerettet worden. Kroatien hat Ungarn zur Aufnahme weiterer Flüchtlinge gezwungen. Ungarn wiederum hat den Stacheldrahtzaun an der Grenze zu Kroatien fertiggestellt. Die wichtigsten Ereignisse des Tages im Newsblog.

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In einem Schlauchboot mit kleinem Motor versuchten diese Flüchtlinge am Samstag, die griechische Insel Kos zu erreichen.
In einem Schlauchboot mit kleinem Motor versuchten diese Flüchtlinge am Samstag, die griechische Insel Kos zu erreichen.Foto: Reuters

Papst zeigt sich „sehr bewegt“ vom Schicksal der Flüchtlinge: Papst Franziskus verfolgt die Situation der Flüchtlinge in Europa nach eigenen Worten aufmerksam und nimmt großen Anteil an ihrem Schicksal. Die Begegnung am Samstagmorgen mit einer syrischen Flüchtlingsfamilie, die in der Pfarrei Sant'Anna des Vatikans untergekommen ist, habe ihn „sehr bewegt“ und schockiert, sagte der Argentinier auf dem Flug nach Kuba, wo er am Samstag zu seinem zehnten Auslandsbesuch eintraf. „Man hat in diesen Gesichtern den Schmerz gesehen“, berichtete der Papst nach dem Treffen mit der Familie.

„Ich glaube, dass die Welt heute nach Frieden dürstet“, ergänzte Franziskus. „Es gibt Kriege, die Migranten, die fliehen, die Migrationswelle, die von Kriegen verursacht wurde. Menschen, die vor dem Tod fliehen und ein neues Leben suchen.“ Franziskus hatte die Pfarreien und Gemeinden in Europa aufgerufen, je eine Flüchtlingsfamilie aufzunehmen. Eine Familie mit Vater, Mutter und zwei Kindern aus Syrien war daraufhin von der Vatikan-Pfarrei Sant'Anna in einer Wohnung in der Nähe des Vatikans untergebracht worden. Die Flüchtlinge bedankten sich am Samstag beim Papst für die Gastfreundschaft und wünschten ihm eine gute Reise.

Fast 5000 Flüchtlinge an einem Tag aus dem Mittelmeer gerettet: Fast 5000 Flüchtlinge sind alleine am Samstag aus dem Mittelmeer gerettet worden. Beim größten von insgesamt 20 Rettungseinsätzen in den Gewässern vor Libyen wurden 1137 Menschen von zwei Schiffen in Sicherheit gebracht, wie die italienische Küstenwache mitteilte. An der Operation, bei der auch eine Frauenleiche geborgen wurde, waren Schiffe von Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen sowie eine Fregatte der Bundeswehr beteiligt, die Hunderte der Flüchtlinge aufnahm. Die britische und kroatische Marine sowie ein Frachtschiff halfen ebenfalls mit.

Wie eine dpa-Reporterin an Bord der Bundeswehr-Fregatte „Schleswig-Holstein“ beobachtete, wurden in einem fast zwölfstündigen Einsatz 767 Flüchtlinge von einem Holzboot und einem Schlauchboot an Bord geholt. Dies sei die größte Anzahl von Menschen, die die Fregatte bisher an einem Tag gerettet habe, sagte ein Sprecher an Bord. Die meisten der geretteten Menschen stammten aus dem Sudan sowie aus Eritrea, Somalia und Syrien. Die Fregatte mit den Flüchtlingen soll voraussichtlich am Sonntagmittag in Palermo auf Sizilien einlaufen, um die Menschen an die zuständigen Behörden zu übergeben.

Die „Schleswig-Holstein“ ist eines von zwei deutschen Schiffen, die sich seit Ende Juni an der EU-Mission zur Seenotrettung und Bekämpfung der Schleuserkriminalität im südlichen Mittelmeer beteiligen. Insgesamt haben die deutschen Schiffe seitdem fast 2400 Menschen geholfen. Zuvor hatte die Bundeswehr unter einem nationalen Mandat insgesamt 5673 Flüchtlinge gerettet. Seit Jahresbeginn sind nach Zählung der Internationalen Organisation für Migration mehr als 2600 Menschen beim Versuch ums Leben gekommen, von Libyen aus über das Mittelmeer nach Italien zu gelangen. Über 120 000 (Stand 18. September) schafften es demnach bis an die Küste des südlichen EU-Mitgliedstaats.

Ein Flüchtling klettert am Freitag durch ein Fenster in einen überfüllten Waggon eines Zuges am Bahnhof des Dorfes Tovarnik in Kroatien, zum weiteren Transit in andere EU-Staaten. Kroatien ist vom Ansturm der Menschen überrascht worden.
Ein Flüchtling klettert am Freitag durch ein Fenster in einen überfüllten Waggon eines Zuges am Bahnhof des Dorfes Tovarnik in...Foto: Gregor Fischer/dpa

Merkel soll Kroatien zu Ausreisestopp für Flüchtlinge gedrängt haben: Bundeskanzlerin Angela Merkel soll Kroatiens Regierung nach einem Medienbericht aufgefordert haben, Flüchtlinge von einer schnellen Weiterreise mit dem Ziel Westeuropa abzuhalten. Merkel habe von der Führung in Zagreb verlangt, die Flüchtlinge für eine gewisse Zeit im Land zu halten, berichtete die kroatische Zeitung „Jutarnji list“ am Samstag. Die Zeitung bezog sich dabei auf das Telefonat der CDU-Vorsitzenden mit dem kroatischen Regierungschef Zoran Milanovic vom Freitag. Milanovic habe Merkels angebliche Forderung mit dem Argument abgelehnt, Menschen könnten nicht gegen ihren Willen festgehalten werden.

Die Bundesregierung verwies am Abend auf Anfrage auf eine frühere Mitteilung. Darin hatte Regierungssprecher Steffen Seibert erklärt, dass Milanovic der Kanzlerin von den Anstrengungen Kroatiens berichtet habe, seinen Verpflichtungen vollständig nachzukommen und dabei eine menschenwürdige Behandlung aller Flüchtlinge zu gewährleisten. „Die Bundeskanzlerin und der Ministerpräsident stimmten überein, dass das Problem an den Außengrenzen der Europäischen Union gelöst werden müsse“, erklärte Seibert. Seit der Abriegelung der ungarischen Grenze zu Serbien versuchen Tausende Migranten, über Kroatien nach Westeuropa zu gelangen. Die kroatische Regierung lässt seit Tagen wiederum Tausende Flüchtlinge an die Landesgrenzen zu Ungarn und Slowenien bringen. Von dort wollen die meisten der Menschen nach Österreich und Deutschland weiterreisen.


Flüchtlingsrückstau in Österreich durch deutsche Grenzkontrollen: Österreich muss wegen der deutschen Kontrollen an der Grenze zwischen beiden Ländern eine wachsende Zahl an Migranten betreuen. „Es gibt einen Rückstau in Österreich“, sagte der Rettungschef des österreichischen Roten Kreuzes, Gerry Foitik, am Samstag. In der Nacht auf Sonntag würden rund 9 000 Menschen im Land übernachten, sagte er der Presseagentur APA.
Am Samstag wurden von der Polizei rund 10 000 Menschen an der Ostgrenze zu Ungarn erwartet. Erstmals wurde auch die südliche Grenze zu Slowenien von Flüchtlingen überschritten: Bis zum Abend hatten mehr als 150 Menschen diese Route gewählt, einige Hunderte mehr waren innerhalb Sloweniens in Richtung Grenze unterwegs.
Der erneute Anstieg war auch im Westen Österreichs spürbar. Rund 700 Flüchtlinge brachten den Salzburger Hauptbahnhof nahe der bayerischen Grenze an seine Kapazitätsgrenze, wie örtliche Behörden mitteilten.

Flüchtlinge kommen in Oberbayern an: In Freilassing in Oberbayern ist am frühen Abend ein Zug aus Graz mit rund 400 Flüchtlingen angekommen. Die Menschen würden registriert und anschließend nach Hanau gebracht, sagte ein Sprecher der Bundespolizei.

Ein Flüchtling sitzt am Sonnabend auf dem Flugdeck der Bundeswehrfregatte «Schleswig-Holstein» im Mittelmeer.
Ein Flüchtling sitzt am Sonnabend auf dem Flugdeck der Bundeswehrfregatte «Schleswig-Holstein» im Mittelmeer. Die Fregatte ist...Foto: dpa

Ungarns Armee mobilisiert 500 Reservisten: Ungarns Streitkräfte mobilisieren wegen der Flüchtlingskrise 500 Reservisten. Dies verfügte Verteidigungsminister Istvan Simicsko am Samstag, wie die staatliche Nachrichtenagentur MTI berichtete. Die Einberufenen sollten in den Kasernen die an der Grenze eingesetzten Stammkader ersetzen, hieß es. Schon bisher waren über die Zeit verteilt 400 Reservisten mobilisiert worden. Ungarn hat seit 2004 ein Berufsheer. Darin dienen auch Zeitsoldaten, die nach Ablauf ihres Vertrags in den Reservistenstand versetzt werden können.

Deutschland rechnet mit erneutem Anstieg der Flüchtlingszahlen: Die Bundespolizei rechnet nach einem vorübergehenden Rückgang in der kommenden Woche wieder mit mehr Flüchtlingen. Für Samstag und Sonntag seien je zwei Sonderzüge aus Österreich mit Migranten angekündigt, sagt ein Sprecher der Bundespolizei in Potsdam. Ab Montag seien täglich fünf Züge anvisiert. Bis zum Nachmittag wurden an der deutsch-österreichischen Grenze bei Passau rund 600 Flüchtlinge aufgegriffen, erheblich weniger als am Vortag, sagt ein Polizeisprecher. In Freilassing wird am späten Nachmittag ein Zug aus Graz mit 400 bis 500 Migranten erwartet.

Kroatien zwingt Ungarn zur Aufnahme von Flüchtlingen: In der Flüchtlingskrise verschärft sich der Streit zwischen den osteuropäischen Transitstaaten. Kroatien kündigte am Samstag an, es werde den Nachbarn Ungarn weiter zur Aufnahme von Migranten zwingen. „Indem wir die Menschen dorthin geschickt haben, haben wir ihre Aufnahme erzwungen. Das werden wir auch weiter tun“, sagte Ministerpräsident Zoran Milanovic in Beli Manastir. Von dort aus hatten Busse und Züge am Freitag Tausende Flüchtlinge nach Ungarn gebracht. Die Regierung in Budapest warf Kroatien vor, Ungarn und die EU im Stich zu lassen, da es seine Außengrenze nicht ordentlich schütze. Das Land bringe ständig weitere Menschen an die Grenze. Ungarn kündigte eine diplomatische Protestnote an die Adresse Kroatiens an. Eine etwas ausführlichere Fassung lesen Sie hier.

Ein Flüchtling vor dem geschlossenen Grenzübergang Horgos auf serbischer Seite am Dienstag. Ungarn zäunt sich ein, auch an der Grenze zu Kroatien steht jetzt ein Zaun.
Ein Flüchtling vor dem geschlossenen Grenzübergang Horgos auf serbischer Seite am Dienstag. Ungarn zäunt sich ein, auch an der...Foto: Gregor Fischer/dpa

Schäuble erwägt weitere Einsparungen: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble erwägt einem Medienbericht zufolge weitere Milliarden-Einsparungen, um die Flüchtlingshilfe zu finanzieren. Der CDU-Politiker wolle bis zu zwei Milliarden Euro zusätzlich aus dem Haushalt 2016 für die Versorgung der Flüchtlinge abschöpfen, berichtete der “Spiegel“ am Samstag. Schäuble hoffe, diese Summe über eine günstigere Entwicklung etwa der Zinsen gegenüber den bisherigen Prognosen erwirtschaften zu können. Reiche dies nicht aus, werde das Ministerium den Ressorts weitere Sparvorgaben machen, um das angepeilte Volumen zu erreichen. Ein Sprecher des Finanzministeriums wollte sich zu dem Bericht nicht äußern. Bisher war lediglich ein Sparprogramm von 500 Millionen Euro bekannt, das auf die Ministerien umgelegt werden soll. Danach kann jeder Minister selbst entscheiden, wo er seinen Haushalt kürzt. Die Bundesregierung rechnet dieses Jahr mit einem Zustrom von 800.000 Flüchtlingen. Ein großer Teil von ihnen stammt aus dem Bürgerkriegsland Syrien.

Deutsche Marine rettet fast 400 Flüchtlinge aus dem Mittelmeer: Eine Fregatte der Bundeswehr hat fast 400 Flüchtlinge aus dem Mittelmeer gerettet. Das sagte Alexander Gottschalk, der Sprecher an Bord der Fregatte „Schleswig-Holstein“. Wie eine dpa-Reporterin vor Ort beobachtete, wurden in dem etwa dreistündigen Einsatz am Samstag Hunderte Flüchtlinge von einem Holzboot rund 35 Kilometer vor der libyschen Küste an Bord geholt. Anschließend seien weitere Menschen von einem Schlauchboot gerettet worden, sagte Gottschalk. Die meisten von ihnen stammten aus Sudan und Eritrea. Die Fregatte ist eins von zwei deutschen Schiffen, die sich seit Ende Juni an der EU-Mission zur Seenotrettung und Bekämpfung der Schleuserkriminalität im südlichen Mittelmeer beteiligen. Insgesamt haben die deutschen Schiffe seitdem 1980 Menschen gerettet. Zuvor hatte die Bundeswehr unter einem nationalen Mandat insgesamt 5673 Flüchtlinge gerettet.

Nicht nur an den Grenzen innerhalb der EU stehen tausende Flüchtlinge und warten auf den Übertritt. Diese Mädchen sind völlig erschöpft in Mazdeonien gestrandet, von wo sie vermutlich gen Westen weiterreisen werden.
Nicht nur an den Grenzen innerhalb der EU stehen tausende Flüchtlinge und warten auf den Übertritt. Diese Mädchen sind völlig...Foto: dpa

Grenzkontrollen auch in Finnland: Finnland nimmt in Tornio im Norden des Landes an der Grenze zu Schweden Kontrollen auf. Asylbewerber können nun nicht mehr ohne Registrierung in Tornio weiterreisen, teilt das Innenministerium mit. An der Grenze demonstrieren nach einem Bericht des Senders YLE rund 100 Finnen gegen die Flüchtlinge und fordern auf Plakaten "Schließt die Grenzen!"

Kauder nennt Flüchtlingsandrang "nationale Herausforderung": Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) hat angesichts des großen Flüchtlingsandrangs einen gesellschaftlichen Kraftakt beschworen. „Die Flüchtlingsbewegung ist eine der größten nationalen Herausforderungen für unser Land“, sagte er dem Nachrichtenmagazin „Focus“. „Ja, wir schaffen das. Aber wir brauchen einen langen Atem.“

Kauder beklagte zudem mangelnde Solidarität in der EU, räumte aber zugleich ein, dass die Staaten an den Außengrenzen von anderen EU-Ländern nicht genug unterstützt wurden. „Als man gesehen hat, dass es nicht um ein paar tausend Menschen geht, hätte man Italien, Griechenland oder Ungarn besser helfen müssen“, sagte Kauder. „Da hat Europa versagt.“

Kroatien schickt weiter Flüchtlinge über die Grenze: Kroatien schickt nach ungarischen Angaben immer weiter Flüchtlinge ins Nachbarland. Allein am Freitag seien 8000 Migranten aus Kroatien angekommen, sagt ein Sicherheitsberater der Regierung. Es gebe keine Anzeichen dafür, dass der Flüchtlingsstrom bald abebbt.

Deutschland und Österreich fordern gemeinsam finanzielle Hilfe: Deutschland und Österreich fordern mehr Geld der internationalen Gemeinschaft zur Unterstützung syrischer Flüchtlinge im Nahen Osten. Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann und der deutsche Vizekanzler Sigmar Gabriel nannten in Wien eine Summe von fünf Milliarden Euro. Wenn die Europäische Union jetzt nicht Geld in die Hand nehme, „dann werden sich noch mehr Menschen auf den Weg machen“, sagte Gabriel bei einem Treffen führender europäischer Sozialdemokraten. Die USA und Saudi-Arabien sollen sich an dem Programm beteiligen, stimmte er mit Faymann überein.

US-Außenminister Kerry hatte in London in einem Interview bereits angekündigt, die Aufnahme weiterer Flüchtlinge aus Syrien zu prüfen.

Zugleich hat Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner angesichts des neuen Flüchtlingsandrangs über den Balkan harte Maßnahmen angekündigt. Menschen, die nach der Durchreise durch Kroatien oder Slowenien erst in Österreich um Asyl bitten, würden alle dorthin zurückgebracht, sagte die Ministerin am Samstag in Wien. Sie habe kein Verständnis dafür, dass am Balkan kaum Asylanträge gestellt werden, denn es handle sich um sichere Länder. „Das ist keine Schutzsuche mehr, sondern Asyl-Optimierung“, fügte die konservative Politikerin hinzu. Österreichs Behörden erwarteten am Samstag die Ankunft von rund 10 000 Menschen, die zuvor über Kroatien und Ungarn reisten. Die meisten Flüchtlinge wollen derzeit weiter nach Deutschland. Im zweiten Quartal war Österreich hinter Ungarn das EU-Land mit der zweithöchsten Zahl von Asylanträgen pro Einwohner.

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