Politik : Nicht einmal bei seinem letzten Auftritt ließ Wolfgang Schäuble seine Maske fallen

Tissy Bruns

Was zeigt sich da auf Wolfgang Schäubles Gesicht? Dass der selbst bei dieser Gelegenheit noch grinst, empört sich einer aus der CDU, dabei liegen wir am Boden. Eben hat Wolfgang Schäuble, gestern noch der mächtigste Mann der Partei, die er selbst stets die CDU Deutschlands nennt, den Abgang von seinen Ämtern absolviert. Im Saal der Bundestagsfraktion, an seinem Platz, dem des Fraktionsvorsitzenden, als der er ein ganzes Jahrzehnt mitgestaltet hat. Grinst Schäuble wirklich in die Kameras? Die aufgesetzte Heiterkeit ist eine von Schäubles öffentlichen Maskeraden, die dem Beobachter nur eine Gewißheit gibt: Du weißt nicht, was ich denke.

Mehr als verständlich, wenn jemand in so einer Stunde mehr verbergen als zeigen will. Ob dieser Rückzug längst abgemachte Sache war, ob er einer plötzlichen Dramatik geschuldet ist oder gar beides, erschließt sich in diesen kurzen Minuten nicht. Und das ist folgerichtig und passt zu Wolfgang Schäuble, so wie es folgerichtig ist, dass seine politische Laufbahn an der Affäre Kohl ihr Ende findet. Wolfgang Schäuble, ein wirklich mächtiger Mann, war doch immer verurteilt (und hat sich selbst dazu verurteilt), der Zweite hinter dem anderen zu sein. Der kann heute in großer Pose zuschauen, böse grollend über die Ungerechtigkeit der Welt, wie die Partei sich unter allergrößter Mühe von ihm abnabelt. Kohl hat die CDU in "die schwerste Krise ihrer Geschichte" gebracht, von der Schäuble im ersten Satz seiner Erklärung spricht. Und Kohl war es auch, der, wie Schäubles zweiter Satz lautet, "in einer nicht für möglich gehaltenen Weise" gegen Gesetze und Prinzipien der innerparteilichen Demokratie verstoßen hat.

Der Aufruhr

Kohl ist fern. Schäuble ist es, der die ganze Schmach erlebt: Wie sich unerwartet alles gegen ihn wendet, der erste nach Rücktritt ruft, der zweite mitmacht, wie alle einstimmen in einen offenen Aufruhr, der ihm nur noch eine Möglichkeit lässt: den vollständigen Rückzug. Doch passt es auch zum Typus Schäuble, dass sich da Energien entladen haben, die er selbst aufgebaut hat. Eine unbedingte Loyalität hat er seiner Partei und Fraktion abverlangt, schon einmal im Januar und jetzt im Konflikt mit der ehemaligen Schatzmeisterin Baumeister. Dass die Fraktion ihm auch darin wie ein Mann folgen würde, war eine Fehleinschätzung, die Schäubles Charakter entspringt. Schäuble war loyaler zu Kohl als der durchschnittliche Parteifreund, der einem Vorsitzenden ebenso schnell huldigen wie ihn schmähen kann. Doch fehlt ihm der Sinn für den urmenschlichen Gerechtigkeits-Impuls, der in jeder Volkpartei losbricht, wenn ein Großer mit seiner ganzen Macht gegen eine Kleine losgeht - wie Schäuble gegen Baumeister.

Schäuble ist viel klüger als die meisten seiner Wegbegleiter. Er ist so klug, dass ihm auch kleine intellektuelle Ungenauigkeiten sichtlich weh tun - aber er ist nicht klug genug, um über eine Dummheit einfach wegzusehen. Schäuble ist zehn Jahre länger Taktiker und Stratege als fast alle anderen in seiner Partei. Er hat, ein Frühstarter, alle Ämter ausgeübt: parlamentarischer Fraktionsgeschäftsführer, Minister im Kanzleramt, Innenminister, Fraktionschef, zuletzt, als seine Partei grandios verloren hatte, war er Parteivorsitzender und feierte überraschende Wahlerfolge. Und seine sachliche Bilanz ist überragend: Voran war er der Unterhändler im Prozeß der deutschen Einheit, und er hat es gut gemacht.

Doch ist Schäuble auch der, von dem die ganze Linke in der ersten Hälfte der 90er Jahre böse Albträume hatte, weil er eine Zeit lang die "nationalen Töne" pflegte und die "konservativen Werte". Der mit einer brillanten Rede die Entscheidung für Berlin herbeigeführt hat. Und er ist auch der, von dem in der zweiten Hälfte der 90er Jahre kaum einer mehr wusste, dass er einmal als Rechter galt. Nun galt er als Modernisierer. Mit neoliberalen Steuer-Konzepten, mit einer Grünen, die der schwarze Schäuble gegen die SPD als stellvertretende Bundestagspräsidentin durchgesetzt hatte, und mit dem Vorstoß für eine europäische Öko-Steuer, war Schäuble die Hoffnung aller, die in der letzten Kohl-Etappe an Stillstand und Mief litten - und dabei wenig Hoffnung auf die SPD setzen mochten.

Das Attentat

Undurchschaubar wie am letzten Tag war Schäuble aber auch dabei immer. In allen Phasen flößte er seiner Umgebung das Gefühl ein, dass hinter dem Ausgesprochenen noch etwas Unausgesprochenes, hinter der Taktik, die auf einen schnöden Kompromiss Blümscher Strickart hinauslief, noch eine kluge, verheißungsvolle Strategie stecken könnte. Oft machte der Mann im Rollstuhl ganz vergessen, dass es den Rollstuhl überhaupt gab. Dann wieder war der Rollstuhl gegenwärtig, und die Behinderung, das Schicksal, das dahinter stand. Schäuble ging mutig damit um: "Ein Krüppel als Kanzler? Ja, diese Frage muss man stellen." Oder auch gleichmütig. Er konnte gelassen antworten: "Das ist mir wurscht", wenn er danach gefragt wurde, ob die Deutschen bereit wären, einen im Rollstuhl als Kanzler zu akzeptieren.

Ob das Attentat im Oktober 1990 ihn verändert habe, ist eine der Fragen, die Schäuble anhaften. Hans-Jochen Vogel hat ihm einmal bescheinigt, sein Schicksal habe ihn hart gemacht. Vogel hat das bereut und sich entschuldigt. Schäubles Frau hat in einem eindrucksvollen Interview geschildert, wie schwer es für sie war, diesen Schlag anzunehmen. Sie hat geschildert, wie sie sich in den Rollstuhl gesetzt hat, um zu verstehen, dass man dann immer unten, dass alle anderen darüber sind. Schäuble, Protestant, Pflichtmensch und ein brillanter Kopf, ist wohl kein anderer geworden durch das Attentat und seine Folgen. Aber es könnte sein, dass die erzwungene Beschränkung alle seine Eigenschaften verdichtet hat - und getrennt vom normalen Maß an Klugheit und Dummheit, politischer Überlegung und Raffinesse. Aber auch der letzte Auftritt des Politikers Schäuble hat darüber nur eine Gewißheit hinterlassen: Schäuble wollte es uns nicht verraten.

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