Politik : Nicht mit halber Kraft - Was im Kosovo und was dem Kosovo blüht (Kommentar)

Christoph von Marschall

Frühling! Für die meisten Menschen ein Zauberwort, das mildere Tage, frische Farben und belebende Düfte verheißt. Nicht jedoch in den kriegsbedrohten Regionen des Balkans. Im Winter frieren Kälte, Schnee und Eis die Kämpfe ein. Tauwetter dagegen lässt das Gelände wieder passierbar werden - und die Luft bleihaltiger. So war es in Kroatien und Bosnien, so ist es auch 2000 noch im Kosovo, obwohl der offene Krieg dort beendet und einer Nato-bewachten Waffenruhe gewichen ist. In der zwischen Albanern und Serben geteilten Stadt Mitrovica vergeht kaum ein Tag ohne blutige Zwischenfälle. Das Risiko, dass daraus erneut ein flächendeckender Brand wird, muss besonders ernst genommen werden: Denn auch in Serbien selbst, in der nahe zur Kosovo-Grenze gelegenen Region um die Dörfer Presevo, Medvedja und Bujanovac spitzt sich der Konflikt zwischen serbischen Sicherheitskräften und albanischer Minderheit zu.

Der UN-Verwalter für das Kosovo Bernard Kouchner und der deutsche Oberbefehlshaber der Friedenstruppe KFOR, General Reinhardt, fordern mehr Polizisten und Richter, um den Unruhestiftern das Handwerk zu legen - ohne große Resonanz. Die Welt hat Kosovo abgehakt: als einen gelösten Konflikt. Schon richtig, die Lage ist um Dimensionen besser als vor Jahresfrist. Da waren bereits Hunderttausende vertrieben, Rambouillet stand vor dem Scheitern und die Nato bereitete sich auf Luftangriffe vor.

Aus der bosnischen Tragödie müssten UN, Nato und EU doch so viel gelernt haben: Sie haben die Mittel, mit viel Zeit, Energie und Geduld den Frieden herzustellen. Gefahr droht nur, wenn die Aufmerksamkeit nachlässt, ihre Kraft erlahmt - weil andere Herausforderungen in den Vordergrund treten.

Im Kosovo sehen die serbischen wie die albanischen Fanatiker ihre Chance gekommen, mehr als den Status quo zu erkämpfen - in Verkennung ihrer Kräfte und in der Fehleinschätzung, die Welt werde mit Gewalt geschaffene Fakten am Ende hinnehmen. UN, Nato und EU müssen der Unruheprovinz jetzt mehr Energie widmen - damit der Frühling auch dort seinen Namen verdient. Je länger sie zögern, desto mehr Kraft wird es sie kosten, den Frieden wiederherzustellen.

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