Politik : Nicht nur die alte Garde

Matthias Meisner

"Ganz schön hochgeschraubt" wurde die Norm 1994, meint Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch. Damals war Stefan Heym das wichtigste Zugpferd der PDS im Bundestagswahlkampf. "Nicht zu toppen" sei diese Nominierung, fügt Bartsch hinzu. Und auch deshalb wird die Aufstellung der Kandidatenlisten für die Wahl 2002 etwas weniger spektakulär ausfallen: Die "bunte Truppe", mit der einst Gregor Gysi für Stimmung in Bonn sorgte, ist Geschichte. Sie sei "als Prinzip ein bisschen verbraucht", sagt der Fraktionsvorsitzende Roland Claus.

Weitgehend setzt die PDS bei der Besetzung der aussichtsreichen Plätze auf den Landeslisten und in den Wahlkreisen auf die eigenen Kader. In Berlin führt die Vize-Parteichefin Petra Pau die Landesliste an, in Thüringen soll die Parteivorsitzende Gabi Zimmer den Spitzenplatz eins einnehmen. Claus selbst wird Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, Bartsch in Mecklenburg-Vorpommern. Für den Platz eins auf der Landesliste in Brandenburg ist, wie bisher, der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Wolfgang Gehrcke ausersehen.

Nur nach alter Garde soll die nächste PDS-Bundestagsfraktion aber nicht aussehen. Die frühere TV-Chefredakteurin des Hessischen Rundfunks, Luc Jochimsen, tritt deshalb mit Unterstützung der Parteiführung auf Listenplatz eins in Hessen an - und setzte sich gegen die Bundestagsabgeordnete Pia Maier durch. Fasziniert ist Jochimsen nach eigenen Worten von der Idee der "offenen Liste". Für einen aussichtsreichen Kandidatenplatz in Nordrhein-Westfalen gehandelt wird der Kriminalkommissar und ehemalige Grünen-Bundestagsabgeordnete Manfred Such, der im Herbst vergangenen Jahres zur PDS gewechselt war. Nicht ausgeschlossen ist es, dass er die Innenpolitikerin Ulla Jelpke verdrängt.

Für den Spitzenplatz eins in Sachsen, 1998 vom promimenten Ex-Radweltmeister Täve Schur besetzt, hat die Parteiführung den in Berlin lebenden Florian Havemann vorgeschlagen - Sohn des DDR-Regimekritikers Robert Havemann. Ob die Landespartei den Vorschlag aus Berlin akzeptiert, ist offen. Mancher Genosse im Freistaat ärgert sich, dass schon in der jetzigen PDS-Bundestagsfraktion von acht sächsischen Abgeordneten nur drei wirklich im Freistaat leben. Und gemeckert wurde über bunte Listen, "bei denen die rote Farbe immer schwerer herauszufiltern ist".

Doch meist sei die Landespartei letztendlich doch "sehr diszipliniert" den Vorschlägen aus Berlin gefolgt, erinnert sich Landesgeschäftsführer Rico Gebhardt. Auf dem Rostocker Parteitag Mitte März sagte Bundesgeschätsführer Dietmar Bartsch, die Bundespartei brauche "auch Kandidaten mit bundesweiter Ausstrahlung" - und appellierte, mögliche Konflikte zwischen Bund und Ländern "solidarisch auszutragen". Beruhigen kann Bartsch damit, dass neben ein paar Prominenten von außen ganz überwiegend Genossen und Genossinnen antreten, die sich in der Partei einen Namen gemacht haben: etwa die Bezirkschefin von Berlin-Lichtenberg, Gesine Lötzsch, und die Ex-Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Bärbel Grygier - in aussichtsreichen Berliner Wahlkreisen.

Auch der stellvertretende Parteivorsitzende Diether Dehm reklamiert einen Abgeordnetensitz im nächsten Bundestag für sich. Er will in Niedersachsen antreten. Auch wenn mancher in der Bundestagsfraktion nicht begeistert ist: In der nächsten Fraktion wird so voraussichtlich die komplette engere Parteiführung vertreten sein.

Einige Bundestagsabgeordnete wollen nicht akzeptieren, dass die Strategen möglichst viele Frauen und junge Leute platzieren wollen - schließlich könnte es den eigenen Platz kosten. Das Ziel der Parteiführung, drei unter 30 Jahre alte Kandidaten "abzusichern", ist bisher noch nicht umgesetzt.

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