Politik : Nicht nur eine Frage der Moral

Für Homosexuelle ist es riskant, über ihr Privatleben zu reden

Matthias Oloew

Bisher galt es als eine Frage von Moral, von Glaubwürdigkeit oder davon, ob es politisch nützt oder schadet, wenn Minister, Senatoren oder Bürgermeister ihre Homosexualität öffentlich machten. Nach dem Attentat auf Justizsenator Roger Kusch, den die Attentäterin unter Hinweis auf seine Homosexualität angriff, zeigt sich: Es ist auch eine Frage der Sicherheit.

Seit dem Ausfall von Roland Schill sind Roger Kusch und Ole von Beust unterschiedlich mit ihrem unfreiwillig öffentlich gewordenen Schwulsein umgegangen. Kusch: offensiv, inklusive Pressekonferenz und Talk in der Sendung von Sandra Maischberger. Von Beust: eher zurückhaltend. Sein Vater verriet in einem Interview mehr, als dem Ersten Bürgermeister recht war. Jetzt spricht auch von Beust befreit und offen darüber, etwa mit den Illustrierten „Bunte“ oder „Max“.

Sich sicher zu fühlen, auch beim öffentlichen Auftritt, hat für schwule Politiker zwei Seiten. Sind sie geoutet, müssen sie nicht befürchten, auf unangenehme Fragen wachsweich und ausweichend antworten zu müssen, sondern können klipp und klar sagen: So ist es. Punkt. Aber sie müssen befürchten, dass sie auch oder gerade deshalb zum Ziel von Attentaten werden.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, der 2001 seine Homosexualität offenbarte, sieht sich wiederholt Anfeindungen von Schwulenhassern ausgesetzt. Etwa bei der Trauerfeier für Hildegard Knef. Oder bei einer Theaterpremiere. Sein Personenschutz verhinderte beide Male Übergriffe des als geistig verwirrt geltenden Täters. Im Interview mit dem Tagesspiegel sagte Wowereit außerdem, dass er jeden Tag Beschimpfungen und Schmähbriefe in seiner Post finde – nicht, weil er eine falsche Politik mache, sondern, weil er schwul ist. Nicht jeder Politiker kann damit so souverän umgehen wie Klaus Wowereit.

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