Politik : Nicht ohne eine volle Geldbörse

Stephan Israel

Die Rumänen müssen sich im kommenden Jahr nicht mehr als Europäer zweiter Klasse fühlen. Vom 1. Januar an brauchen Rumänen für Reisen in die Länder der Europäischen Union kein Visum mehr. Rumänien ist das letzte Land unter den zwölf EU-Beitrittskandidaten, für das die Visumspflicht entfällt. Aus Sicht der Rumänen verschwindet damit eine für viele unüberwindbare Mauer - mit mehr als zehnjähriger Verspätung. Die Freude wird allerdings durch eine Reihe von Vorkehrungen gedämpft, welche die rumänische Regierung auf Druck der Europäischen Union treffen musste. Tatsächlich wird die Mauer bei der Einreise in die EU durch hohe Hürden bei der Ausreise aus der Heimat ersetzt.

Jeder Reisende muss an der Grenze eine gültige Krankenversicherung und ein Retourticket vorlegen. Für jeden Tag der geplanten Aufenthaltsdauer müssen Rumänen außerdem mindestens hundert Euro dabei haben. Da fünf Tage als Mindestreisedauer angesetzt sind, muss jeder Europa-Besucher folglich mindestens 500 Euro vorweisen können - knapp das Fünffache des durchschnittlichen Monatseinkommens in Rumänien. Jeder müsse das Geld bei der Ausreise in der Tasche haben, aber niemand sei verpflichtet, alles auszugeben, beschwichtigte Innenminister Ioan Rus.

Profitieren dürften von den neuen Vorschriften vor allem die Zöllner, die gegen ein kleines Bakschisch beim Blick in die Brieftasche ihrer Mitbürger ein Auge zudrücken dürften. Um die notorische Korruption an der Grenze einzudämmen, haben die rumänischen Behörden bereits einiges Geld aus Brüssel in die Ausbildung der Beamten investiert. Auch hat die Regierung in Bukarest eine Reihe von weiteren Massnahmen beschlossen: So sollen die Bürger des Landes von Januar an neue Pässe erhalten, die mit zusätzlichen Sicherheitsmerkmalen versehen sind. Die Behörden können künftig Reisedokumente von Rumänen konfiszieren, die im Ausland straffällig geworden sind. Wer mit Verspätung von einer Reise in die EU-Staaten zurückkehrt, muss ebenfalls mit Passentzug rechnen.

Das nach Polen bevölkerungsreichste Land unter den EU-Kandidaten kämpft gegen Vorurteile und den schlechten Ruf seiner Bürger im Ausland. Diese sind dort bisher eher als Armutsflüchtlinge, potenzielle Kriminelle und selten als Touristen bekannt. In den ersten zehn Monaten des Jahres 2001 haben rund 17 000 Rumänen versucht, das Land illegal in Richtung Westeuropa zu verlassen. Wer sich nicht an Gesetze und Verpflichtungen halte, müsse mit Konsequenzen rechnen, mahnt Außenminister Mircea Geoana und zeigt sich gleichzeitig zuversichtlich: "Wir hoffen, dass wir Schritt für Schritt den schlechten Ruf überwinden können, den einige unserer Mitbürger mit Straftaten im Ausland geschaffen haben".

Die eingeschränkte Reisefreiheit war für viele Rumänen bis zuletzt ein bitteres Thema. Für ein Visum musste man stundenlange Wartezeiten bei Sommerhitze oder Winterkälte sowie eine oft demütigende Behandlung durch Konsularbeamte in Kauf nehmen. Geschäftsleute verzichteten auch schon mal auf die Reise zu ihrem ausländischen Partner, um Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen. Studenten klagten, wenn sie zwar ein Stipendium für eine europäische Universität bekamen, aber das Visum nicht rechtzeitig ausgestellt wurde. Einschlägige Erfahrungen mit den Konsulaten der EU-Staaten haben auch Journalisten, Professoren oder Künstler gemacht. Selbst Reisebüros mussten damit leben, dass manchmal nur der Hälfte einer Touristengruppe das Visum für den organisierten Ausflug in den reichen Westen rechtzeitig ausgestellt wurde. Die Aufhebung der Visumspflicht ist für das Schlusslicht unter den Beitrittskandidaten tortz der neuen Hindernisse Aufmunterung und Trostpflaster zugleich: Rumänien hofft verzweifelt auf eine Einladung bei der zweiten Erweiterungsrunde der Nato im Jahr 2002 und auf einen EU-Beitritt bis ins Jahr 2007.

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