Politik : Nicht ohne meinen Pathologen!

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Dies ist die Zeit der Wahlforscher (dazu mehr an anderen Stellen des Blattes) und der Pathologen. Pathologen sind der Berufszweig der Stunde, allerdings nur, wenn sie sich in klarer Abwägung von Aufwand und Nutzen für die Gerichtsmedizin entschieden haben. „Iiih!“ haben die Freunde damals gesagt, „Leichen aufschneiden, wie scheußlich, das kannst du doch nicht machen, wir müssen uns angeekelt von dir abwenden, trink dein Bier allein am Autopsietisch!“ Heute wären sie froh, Kontakt zu haben, denn Gerichtsmediziner haben ein Glaubwürdigkeitsniveau und Sozialprestige erreicht, das nur noch von katholischen Bischöfen erreicht wird sowie von Nobelpreisträgern, allerdings nicht in den Fächern Literatur und Frieden.

Es geht nicht mehr ohne Pathologen. Würde heute eine Neuauflage der „Schwarzwaldklinik“ gedreht, müsste sich Professor Brinkmann in jeder Folge mit rätselhaften Todesfällen herumschlagen. Für die nächsten Folgen des „Traumschiffs“ erhält der Kapitän, pssst, das Recht, neben Champagnerflaschen auch Leichen zu öffnen. Und die Doktorspiele im Kinderzimmer, die sich früher um frühen Sex und sanftes Heilen drehten, sind längst zu blutigen Exerzitien geworden: „Peng! Du bist tot! Ich guck jetzt mit dem Messer nach, warum. Wie bei CSI Miami!“

Noch besser ist es freilich, kein Pathologe zu sein, sondern sich einen leisten zu können, der auf Wunsch einfliegt und rasch ein unabhängiges Zweitgutachten erstellt. Kürzlich ist auf dem Bahamas der 20-jährige Sohn des Ex-Models Anna Nicole Smith plötzlich gestorben – und schon reist nun Cyril Wecht an, einer, den sie in Amerika als Star ansehen, eine Art Günther Jauch der Gerichtsmedizin, eigene Website, immer unterwegs. Der Mann hat schon im Gedärm von Elvis Presley herumgewühlt, er widersprach der offiziellen Version praktisch sämtlicher politischer Attentate in den USA und musste kürzlich, 75 Jahre alt, mehr oder weniger gewaltsam aus seinem Amt als Leichenbeschauer in Pittsburgh getragen werden.

Im Grunde ist das alles rätselhaft. Tot ist ja tot (außer im Fall von Elvis Presley), und selbst Starpathologen können das nicht ändern. Aber es scheint dennoch zum ultimativen Statussymbol zu werden, dass sich einer nicht nur zu Lebzeiten die besten und teuersten Ärzte leisten kann, sondern nach dem Tod auch einen berühmten Gerichtsmediziner, der den Ärzten beweist, dass sie Murks gemacht haben.

Oder es zumindest öffentlichkeitswirksam behauptet. Und das ist dann doch wieder ein wenig wie bei den Wahlforschern.

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