Politik : Nicht so sensibel

Italien meint, Berlusconi habe übertrieben – doch der legt nach

Thomas Migge[Rom]

Am Donnerstagmorgen sprach ganz Italien von Silvio Berlusconis Fauxpas im Straßburger EU-Parlament. Die Tatsache, dass er einen deutschen Parlamentarier dazu aufgefordert hatte, in einem italienischen KZ-Film einen Nazi zu spielen, wurde auf Piazzen und in Kaffeebars diskutiert. Einer Umfrage der Tageszeitung “l’Avvenire” zufolge hat es Berlusconi dieses Mal übertrieben. Rund 60 Prozent der befragten Leser meinten, dass der Medienzar den Bogen überspannt habe.

Genauso denken auch die wichtigsten Koalitionspartner Berlusconis. Allen voran die Christdemokraten UDC und die Alleanza Nazionale von Gianfranco Fini. Sie brachten noch am Mittwochabend ihren Unmut über die Äußerungen ihres Regierungschefs zum Ausdruck. Fini und der UDC-Chef Marco Follini forderten Berlusconi auf, sich für seinen rhetorischen Lapsus offiziell zu entschuldigen. Berlusconi lehnte diese Aufforderung entschieden ab.

Auch Berlusconis Erklärung, sein Ausspruch sei ironisch gewesen, kam nicht gut an. Er habe große Schwierigkeiten, über „Silvios eigentümliche Ironie zu lachen”, sagte Follini. Der Einzige, der „meinen Silvio zu seinen Worten beglückwünscht”, war Innenminister Umberto Bossi. Er habe, sagte er, die Ironie in den Worten seines Koalitionspartners verstanden. Mit dieser Meinung stand Bossi allein.

Sofort nach seiner Rückkehr aus Straßburg verkündete Fini, dass Berlusconi mit ihm über das Fortbestehen der Regierungskoalition diskutieren müsse. Seit Wochen, seit dem schlechten Wahlergebnis der Mitte-Rechts-Regierung bei den Regionalwahlen und dem unerwartet guten Abschneiden der Christdemokraten, fordern Finis Partei sowie die Christdemokraten mehr politische Mitspracherechte. Berlusconi steht unter Druck. Seine engsten Partner drohen mit dem Ende der Koalition, sollte ihr Wunsch nach mehr Einfluss nicht befriedigt werden. Die Worte in Straßburg „waren wie Öl ins Feuer dieser Auseinandersetzungen”, so ein Mitarbeiter Finis, „denn uns bleibt nichts anderes, als uns von Berlusconi zu distanzieren”.

Seine Regierung steht auf der Kippe, und Berlusconi versucht es mit viel Lächeln und lauen Erklärungsversuchen, die aber Wasser auf die Mühlen seiner Kritiker sind. Am Mittwochabend verwies er allen Ernstes auf eine angeblich besondere Art italienischen Humors, die auch den Holocaust nicht ausnehme: „Die Italiener können auch über Tragödien lachen“ – vielleicht weil „wir nicht über die Sensibilität der Deutschen verfügen“. In Italien seien „viele Witze über den Holocaust im Umlauf“.

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