Politik : „Nicht von besonderer Intelligenz“ Kritik an Forderung nach IQ-Test für Migranten

Ferda Ataman

Berlin - Die Forderung einiger Unionspolitiker, einen Intelligenztest für Einwanderer einzuführen, ist auf scharfe Kritik gestoßen. In der „Bild“-Zeitung haben der innenpolitische Sprecher der Berliner CDU, Peter Trapp und der CSU-Europaabgeordnete Markus Ferber neue Einwanderungskriterien gefordert, „die dem Land auch wirklich nützen“. Dabei müsse neben einer guten Berufsausbildung und fachlichen Qualifikation „auch die Intelligenz ein Maßstab sein“, sagte Trapp. Intelligenztests für Einwanderer dürften nicht länger tabuisiert werden. Ferber verwies demnach auf das Vorbild Kanada, „das von Zuwandererkindern einen höheren IQ als bei einheimischen Kindern verlangt“.

Die Bundesregierung distanzierte sich am Montag von der Forderung. „Ein IQ-Test für Einwanderer ist abwegig und nicht von besonderer Intelligenz geprägt“, sagte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU). Zuwanderern pauschal Dummheit zu unterstellen, sei „eindeutig diskriminierend“, sagte Böhmer. Die Forderung schüre massiv Vorurteile. Auch die Opposition übte scharfe Kritik. SPD-Vize Klaus Wowereit sprach von einem „menschenverachtenden und diskriminierenden Weltbild“. Der Vorschlag werfe „ein abschreckendes Licht auf Gedanken einzelner Politiker in Deutschland“. Das Vorstandsmitglied der Linken, Ali Al Dailami, warf der Union „Nützlichkeitsrassismus“ vor.

Peter Trapp sprach im Gespräch mit dem Tagesspiegel allerdings von einem Missverständnis: Seine Aussage am Rande einer Veranstaltung sei „verkürzt wiedergegeben“ worden. Er wolle Zuwanderung nicht einschränken, sondern erweitern. „Wir brauchen mehr Einwanderer, also müssen wir auch offen sein für Leute, die noch keine tollen Schulabschlüsse, aber große Potenziale mitbringen“, sagt Trapp. Auch Markus Ferber erklärte am Montag, keine IQ-Tests gefordert zu haben. Dem CSU-Politiker zufolge müssten fachliche Qualifikationen stärker berücksichtigt werden.

Das Thema IQ-Test ist in der Wissenschaft sehr umstritten. „Intelligenz ist nichts Statisches, das man einfach so abfragen kann“, sagt Ursula Boos-Nünning, Professorin für interkulturelle Pädagogik in Essen. Einen Intelligenztest für Einwanderer gebe es nicht, und fragwürdig sei, was er über ihre Integrationsfähigkeit aussagen könne. Nach Ansicht von Ingrid Gogolin, Professorin am Institut für Internationale Vergleichende Erziehungswissenschaft in Hamburg, „gibt es keinen kausalen Zusammenhang zwischen gemessener Intelligenz und Integration“. Bei solchen Tests würden vor allem „kognitive Potenziale“ geprüft, etwa wie gut jemand logische Schlüsse ziehen kann.

Die Forderung nach IQ-Tests für Einwanderer sei ein weiterer Beleg für die Hilflosigkeit der Politik, sagte Gogolin. Auch über den Vergleich mit Kanada, wie ihn Ferber geäußert hat, ist die Wissenschaftlerin überrascht. „Dort gibt es ein ausgeprägtes Integrationssystem mit unterstützenden Leistungen für Einwanderer.“ Nicht der IQ, sondern Kompetenzen wie Sprache und Ausbildung würden dort abgefragt. mit ddp, dpa

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