Politik : Nicht weite Welt, nicht Wahlkampf

Markus Feldenkirchen,Jürgen Zurheide

Jürgen Möllemann kontrolliert seine Gesichtszüge perfekt. Weder auf der Stirn, noch um die Mundwinkel konnte man erahnen, was ihn bewegte. Er redete so beiläufig über das Angebot der Berliner Parteiführung an ihn, dass noch rückwirkend auffiel, wie sehr er sich wenige Minuten zuvor über die staatlichen Zuschüsse für die Stadionneubauten in München und Düsseldorf aufgeregt hatte; was ihn nicht nur als Liberalen trifft, sondern auch als Schalker. Denn die Gelsenkirchener haben ihre viel bestaunte Arena für 350 Millionen Mark ohne jedes Geld aus dem Staatssäckel hochgezogen. Und dennoch spürte jeder im Saal, wie distanziert er die Offerte von Guido Westerwelle aufgenommen hat, sich um die Innenpolitik im heraufziehenden Bundestagswahlkampf zu kümmern.

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All diese Sätze leitete Jürgen Möllemann mit "der Herr Vorsitzende" ein, und so erfuhr die Öffentlichkeit, dass "der Herr Vorsitzende" ihn gebeten habe, doch diese schwierige Aufgabe zu übernehmen. Wenig später war dann "der Herr Vorsitzende", übrigens gemeinsam mit Wolfgang Gerhardt, der Ansicht, Jürgen W. Möllemann sei die richtige Mischung aus Willy Weyer und Hans-Dietrich Genscher, die zusammen bald zwei Jahrzehnte liberale Innenpolitik gestaltet haben.

Jürgen Möllemann hatte anderes erwartet. Seit Wochen schon wollte er mit der Berliner Parteiführung über seine Ambitionen reden, hatte darauf gehofft, als geistiger Vater des Projekts 18 die herausgehobene Rolle im Bundestagswahlkampf spielen zu können. Mehr als einmal hatte man sich verabredet, und immer wieder kam Möllemann aus Berlin zurück nach Düsseldorf und berichtete davon, dass man eben nicht mit ihm geredet habe. Guido Westerwelle hat sich in dieser Sache so viel Zeit genommen, dass keinem verborgen geblieben ist, dass er alleine die Angebote bei den Liberalen zuteilt und niemand allein deshalb belohnt wird, weil er ungeduldig drängt. Für Möllemann war das eine ungewohnte Erfahrung, aber er verhielt sich anders, als er es früher getan hätte. Er erduldete dieses Machtspiel des Parteivorsitzenden, ohne sich öffentlich zu beklagen oder für Unruhe zu sorgen.

"Damit hatte ich nicht gerechnet", sagte er denn auch. Denn neben seinen Wahlkampf-Ambitionen sieht sich Möllemann vor allem als Außenpolitiker. Seine - allerdings umstrittene - Reise in den Nahen Osten hatte diese Ambition unterstrichen. Als Politprofi schloss Möllemann freilich auch die Innenpolitik nicht ganz aus. "Das wäre eine Herausforderung", sagte er nun, fügte jedoch hinzu: "Aber verdammt nah am Himmelfahrtskommando." Als Fallschirmspringer kennt er sich mit solchen Risiken aus. Der Analyse des "Herrn Parteivorsitzenden", der davon gesprochen hatte, dass die FDP auf dem Feld der Innenpolitik zurzeit nicht stattfinde, stimmt Möllemann zu. Was er einbringen will, hat er deshalb schon einmal gedanklich durchdrungen: "Wir brauchen eine geeignete Mischung aus Rechtsstaat und innerer Sicherheit." Schöner hätten es Weyer und Genscher auch nicht formuliert.

Trotz aller Bedenken wird Möllemann das Angebot wohl annehmen, im kommenden Jahr für den Bundestag zu kandidieren und das FDP-Wahlkampfteam als Innen-Experte zu unterstützen. Zunächst hatte Möllemann erzählt, er brauche eine etwas längere Bedenkzeit. Am Nachmittag dann rief er Westerwelle an, um ihm seine Entscheidung mitzuteilen. Beide wollen am Mittwochvormittag in Berlin vor die Presse treten und "zu aktuellen politischen Fragen" Stellung nehmen, wie es in der Einladung heißt.

Vor dem klärenden Telefonat hatte es aus Westerwelles Umfeld geheißen, man könne verstehen, wenn Möllemann noch etwas länger nachdenken müsse. Es könne gut sein, dass der Parteivize seinen Chef noch etwas länger zappeln lasse, hieß es, als Retourkutsche quasi. Denn Westerwelle erklärte die Wahlkampfführung zur "Chefsache", Möllemann darf nur im Hintergrund aktiv werden, obwohl sich die Parteiführung natürlich bewusst ist, dass man auf Möllemanns Wahlkampf-Talente nicht ganz verzichten sollte. Für die Außenpolitik bleibt Fraktionschef Wolfgang Gerhardt verantwortlich, "gemeinsam mit mir selbstverständlich", fügte Westerwelle bei der Präsentation seinen Kompetenzteams hinzu. Der Parteichef, der vorerst keine fachliche Zuständigkeit im Wahlkampf übernehmen will, hält sich so auch diese Option offen.

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