Politik : Nicht weniger Gedenken

Von Naumann zu Neumann – woran Wolfgang Thierse die Politik erinnert

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Herr Thierse, Hermann Schäfer, der stellvertretende Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, hat in Weimar vor Überlebenden des Holocaust eine Rede gehalten, in der er sich ganz überwiegend mit dem Thema Vertreibung beschäftigte. Hinterher sagte er, er habe nicht gewusst, wer da im Auditorium saß. Ist das akzeptabel?

Das ist nicht akzeptabel. Die Rede war entsetzlich falsch, und seine Rechtfertigungen hinterher haben die Sache nur noch schlimmer gemacht.

Die Veranstaltung steht jedes Jahr unter dem Leitmotiv „Gedenken Buchenwald“. Hätte das einem Historiker wie Schäfer nicht signalisieren müssen, dass das Thema Vertreibung an diesem Platz nicht Priorität hat?

Ohne Zweifel. Das Schlimme an der Rede ist ja, dass sie sowohl unsensibel gegenüber dem Anlass als auch unsensibel gegenüber den Zuhörern war und dass er auf diese Weise die Bundesregierung desavouiert und dem Ansehen Deutschlands geschadet hat. Mit dieser entsetzlich falschen Rede hat er Zweifel erzeugt, dass für die Bundesregierung der Grundkonsens Deutschlands noch gilt, dass die verpflichtende Erinnerung an die singulären Nazi-Verbrechen Raison d’être der Bundesrepublik ist und bleiben muss. Ich bin Staatsminister Neumann dankbar, dass er das zurückgewiesen hat. Leider hat er das nicht zweifelsfrei getan.

Halten Sie es für denkbar, dass Herr Schäfer ganz bewusst so geredet hat, um zu signalisieren, dass sich das Verständnis der Bundesregierung von deutscher Erinnerungskultur ändert?

Ich wünsche es mir nicht, und das dürfte auch nicht Politik dieser großen Koalition werden, selbst wenn bei einigen diese Absicht bestünde. Es stellt sich der Verdacht ein – und ich sage ausdrücklich: der Verdacht –, und ich wünsche mir nicht, dass er sich bewahrheitet, dass da jemand eher ungeschickt und unfreiwillig eine geschichtspolitische Akzentverschiebung verraten hat.

Das würde zu einem Koalitionsproblem werden?

Ohne jeden Zweifel. Das gemeinsame politisch-moralische, auch geschichtspolitische Fundament sollte nicht verlassen werden.

Michael Naumann war der erste Bundesbeauftragte für Kultur. Seit seiner kurzen Amtszeit ist die Erwartungshaltung sehr hoch. Von Naumann zu Neumann – ist das eine fallende Linie?

Ich will nicht leichtfertig öffentliche Urteile über Personen abgeben. Die bisherigen drei Kulturminister haben sich durch eine große Sensibilität gegenüber ästhetisch-kulturellen und moralischen Fragen ausgezeichnet und durch ein großes Engagement für Fragen der Künste. Ich wünsche mir, dass das weitergeht, denn das ist der Sinn eines Bundeskulturministers.

Sie haben gesagt, Herr Schäfer habe die Bundesregierung desavouiert. Ist der Mann auf seinem Posten überhaupt noch tragbar?

Das ist eine Frage, die die Herren Neumann und Schäfer entscheiden müssen. Ich gehöre nicht zu denen, die bei jedem Anlass nach Rücktritten rufen. Das halte ich nicht für guten Stil. Ich wünsche mir nur, dass in der weiteren Praxis beider Herren deutlich wird, dass die gemeinsame Grundposition der Bundesrepublik Deutschland in geschichtspolitischen und erinnerungskulturellen Fragen nicht verlassen wird, auch nicht durch falsche finanzielle Entscheidungen, die dann meist im Verborgenen stattfinden.

Damit sprechen Sie – was an?

Ich erinnere daran, dass ich sehr darum kämpfe, dass das Holocaustdenkmal finanziell angemessen ausgestattet ist. Ich wünsche mir sehr, dass nicht etwa der Versuch gemacht wird, beim Gedenken an die NS-Opfer zu kürzen, damit man mehr Geld freibekommt für die Erinnerung an die Vertreibung und die SED- Opfer.

Das Gespräch führte Gerd Appenzeller.

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