Politik : Nicht zu fassen

Friedemann Diederichs

Das Flugblatt zeigt auf einer Seite einen nicht unansehnlichen Mann. Der Vollbart ist durch einen flotten Schnauzer ersetzt, statt Kampfanzug trägt er einen beigen Anzug mit Krawatte. Und die moslemische Kopfbedeckung musste einem modernen Haarschnitt weichen.

Das Foto, das an einem Computer des US-Verteidigungsministeriums produziert wurde und manche Betrachter an Schlagerstar Sammy Davis junior oder den FDP-Politiker Jürgen Möllemann erinnern könnte, zeigt möglicherweise das neue Erscheinungsbild des vermutlich ins Ausland geflohenen Osama bin Laden. Mit diesem Konterfei suchen die USA nun einen Mann, der - ebenso wie Taliban-Anführer Mullah Mohamed Omar - trotz einer Belohnung von 25 Millionen US-Dollar bisher nicht zu fassen war. Besorgte Anrufer wollten bin Laden bereits in der Olympiastadt Salt Lake City gesehen haben - das FBI registrierte rund 20 Anrufe, von denen nicht alle nur ein schlechter Scherz gewesen seien: "Einige glaubten tatsächlich, er sei hier," so ein Ermittler.

Dass man nach der Flucht des Taliban-Führers Mullah Omar diesmal wieder mit leeren Händen dasteht, hat in Washington in den letzten 48 Stunden den Argwohn gegenüber den afghanischen Helfern verstärkt, auf die man bei der Jagd nach bin Laden und Omar so dringend angewiesen ist. In amerikanischen Regierungskreisen betont man zwar immer wieder, dass es der neuen Übergangsregierung in Kabul wohl ernst sei mit dem Versprechen, bei der Festnahme von führenden Taliban- und Al-Qaida-Offizieren behilflich zu sein. Doch gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass unter regionalen Kommandeuren offenbar auch andere Interessen vorherrschen könnten. Es sei durchaus möglich, dass sich bin Laden wie auch Mullah Omar aus brenzligen Situationen frei gekauft oder andere Gegenleistungen in Aussicht gestellt hätten. Aus diesem Grund hätten sich vermutlich auch Übergabe-Verhandlungen der afghanischen Verbündeten mit den letzten Taliban in die Länge gezogen.

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