Politik : Nicht zu unterschätzen

BND: Teile des Terrornetzwerks Al Qaida wollen Einfluss auf den Nahostkonflikt verstärken

Frank Jansen

Berlin – Die Gefahr wird kaum wahrgenommen, obwohl sie einen explosiven Konflikt noch anheizt. Teile des von Al Qaida inspirierten Terrornetzes wollen in der Auseinandersetzung zwischen Israel und militanten Palästinensern mitmischen. Vor allem die Truppe des im Juni von den Amerikanern im Irak getöteten Jordaniers Abu Mussab al Sarkawi hat es mit militanten Aktionen versucht. „Die Israelis sind on high alert – hoch alarmiert“, sagte der Präsident des Bundesnachrichtendienstes, Ernst Uhrlau, nach einem Vortrag bei der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Befürchtet werde in Israel vor allem das Eindringen weiterer Selbstmordattentäter – ergänzend zu denen, die palästinensische Extremisten geschickt haben. Auch nach Sarkawis Tod, glaubt Uhrlau, bleibt die Gefahr zusätzlichen Terrors gegen Israelis „in der Schwebe“.

Der BND-Chef verwies auf einschlägige Versuche des Terrornetzes. Im vergangenen Jahr feuerte ein Sarkawi-Kommando in der jordanischen Hafenstadt Akaba Raketen ab. Eine schlug im israelischen Ferienort Eilat ein, die anderen explodierten nahe einem US-Kriegsschiff und in einem Militärgelände in Akaba. Ebenfalls 2005 wurde in der Türkei ein Sarkawi-Mann festgenommen, der Anschläge auf israelische Kreuzfahrtschiffe geplant hatte. Und 2003 hatte eine mit Al Qaida liierte Gruppe in der kenianischen Hafenstadt Mombasa ein Hotel angegriffen, in dem Israelis untergebracht waren. Zwei am selben Tag abgefeuerte Raketen verfehlten nur knapp eine in Mombasa gestartete, israelische Passagiermaschine. Allerdings hat nach keinem der Anschläge keine bedeutende Palästinensergruppe eine Liaison mit Al Qaida gesucht. Die Palästinenser seien Nationalisten, sagte Uhrlau. Sie wollten einen eigenen Staat, kein weltumspannendes Kalifat wie Osama bin Laden.

Der BND-Präsident kann sich allerdings kaum vorstellen, das im Geiste Al Qaidas agierende internationale Terrornetz werde seine Versuche einstellen, sich in den Nahostkonflikt einzuschalten. Allenfalls sei zu erwarten, dass es für Sarkawis Gruppe im Moment vorrangig ist, erstmal weiter Stärke im Irak zu demonstrieren. Was die Lage dort angeht, ist Uhrlau wenig optimistisch. Auch nach dem Wegfall der Symbolfigur Sarkawi sei „keine nachhaltige Schwächung“ der irakischen Terrorszene zu beobachten. Das sunnitische Dreieck, in dem 80 Prozent aller Anschläge begangen werden, bleibe eine attraktive Region für Islamisten, die den Kampf gegen die Ungläubigen führen wollen. Monat für Monat würden zwischen 3000 und 4000 „sicherheitsrelevante Zwischenfälle“ registriert. Außerdem habe nach dem Tod Sarkawis, der einen Bürgerkrieg mit den Schiiten anfachen wollte, die Gefahr eines interreligiösen Konflikts nicht nachgelassen hat.

Als Indiz erwähnte der BND-Chef die vor einer Woche von Al Dschasira ausgestrahlte Tonbandbotschaft bin Ladens. Darin droht er den irakischen Schiiten, sie müssten „bestraft werden“, weil sie mit den Amerikanern Hochburgen des sunnitischen Widerstands attackierten. Uhrlau beobachtet beim Terrornetz den Willen zu einer weiteren Eskalation im Irak – sie fördere die Rekrutierung neuer Kämpfer.

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