Nichtraucherschutz : Spanien hat Deutschland längst überholt

Mancher deutsche Politiker blickt derzeit womöglich neidvoll nach Spanien. Die Regierung in Madrid kann ein Jahr nach der Einführung eines der strengsten Antitabak-Gesetze Europas eine erfolgreiche Bilanz präsentieren.

Madrid - Rund 750.000 Spanier haben nach Angaben des Gesundheitsministeriums inzwischen das Rauchen aufgegeben, die Zahl der Herzinfarkte im Zusammenhang mit der Nikotinsucht ist um gut zehn Prozent zurückgegangen. Insgesamt sei der Anteil der Raucher in der Bevölkerung von 25,8 auf 23,7 Prozent gefallen, heißt es.

Und das in einem Land, das jahrzehntelang als "Raucherparadies" galt. Es ist noch gar nicht so lange her, da konnte man Apotheker sehen, die mit der Kippe in der Hand Kunden bedienten, oder Hausfrauen, die in der Schlange an der Fleischtheke genüsslich pafften. Nun sind allerorten Arbeitnehmer zu beobachten, die in der Zigarettenpause vor Bürogebäuden und Geschäften frierend auf der Straße stehen. Das vor einem Jahr eingeführte Gesetz verbietet unter anderem das Qualmen am Arbeitsplatz - Raucherzimmer sind nicht erlaubt. "Prohibido fumar!" heißt es zur Freude geplagter Nichtraucher auch in Einkaufszentren und öffentlichen Gebäuden.

55.000 Opfer pro Jahr

"Anfangs war ich dagegen, doch inzwischen finde auch ich die Regelung gut, denn ich rauche nur noch die Hälfte", gesteht Rodrigo, der bei einem großem Telekomunternehmen arbeitet. Mit dieser Meinung steht er nicht allein da. Obwohl es vor der Einführung viele Proteste und viel Skepsis gab, befürworten nach einer Umfrage inzwischen zwei Drittel der Spanier das Gesetz. Nur knapp 19 Prozent lehnen es ab. "Die Regelung ist die größte gesundheitspolitische Errungenschaft der vergangenen zwei Jahrzehnte", meint der Mediziner Rodrigo Córdoba, Präsident des Nationalen Antitabak-Komitees (CNPT), dem mehr als 40 Wissenschafts- und Ärzteverbände angehören. Bislang, betont er, starben in dem Land schließlich jedes Jahr 55.000 Menschen an den Folgen des Tabakkonsums.

Das Gesetz schränkt auch das Qualmen in Kneipen und Restaurants ein, schreibt dort allerdings kein vollständiges Verbot vor. In Gaststätten mit einer Fläche von mehr als 100 Quadratmetern darf nur noch in abgetrennten Raucherzonen gequalmt werden. In kleineren Lokalen bleibt es den Besitzern freigestellt, ob sie das Rauchen zulassen oder nicht. Hier sehen Kritiker auf der Nichtraucherseite allerdings noch großen Nachholbedarf: Nur etwa ein Zehntel der 300.000 Gastronomiebetriebe in Spanien ist bislang nikotinfrei oder mit einer räumlich tatsächlich getrennten Raucherzone ausgestattet.

Tabakindustrie vergrätzt

Nur wenige kleine Eckkneipen haben es bisher riskiert, rauchende Stammkunden zu vergraulen, und die Besitzer größerer Lokale beklagen, sie könnten sich die Umbauten nicht leisten. Verbraucherschützer kritisieren indes, es gebe zu wenig Kontrollen. Bei Verstößen gegen das Gesetz drohen Bußgelder bis 10.000 Euro.

Die Tabakindustrie ist auf das Gesetz, das auch fast jegliche Werbung untersagt, selbstredend nicht gut zu sprechen. So sind im Vergleich zum Vorjahr nach Angaben des CNPT rund 200 Millionen Schachteln weniger verkauft worden, der Umsatz sei um rund 400 Millionen Euro geschrumpft. Das verwundert nicht, denn Zigaretten gibt es nicht mehr wie früher an jedem Kiosk, an jeder Tankstelle oder im Supermarkt, sondern nur noch in Tabakläden oder im Automaten in der Kneipe. Der Staat muss indes nicht, wie anfangs befürchtet, infolge des Gesetzes mit weniger Einnahmen aus der Tabaksteuer rechnen: Wegen gestiegener Preise werden 2007 rund 3,7 Milliarden Euro in seine Kassen fließen, 8,4 Prozent mehr als im Vorjahr.

Angesichts des Erfolges schoss so mancher spanischer Politiker jedoch über das Ziel hinaus. So brachte der Abgeordnete Josep María Guinart den Antrag ein, das Rauchen auch am Strand zu verbieten. Damit blitzte er im Parlament jedoch ab. So weit will sich das Urlauberland Spanien dann doch nicht vorwagen. (Von Jörg Vogelsänger, dpa)

GroKo, Jamaika oder Minderheitsregierung? Erfahren Sie, wie es weitergeht - jetzt gratis Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben