Politik : Nichts gelernt

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Gaius Julius Caesar hat sich mit Einzelheiten nicht aufgehalten. „Gallia est omnis divisa in partes tres“ befand der Römer zu Beginn seines berühmten Buchs „Über den Gallischen Krieg“: Gallien besteht aus drei Teilen, bewohnt von Belgiern, Aquitaniern und Kelten. Das war eine recht großzügige Dreiteilung des Völkergemischs im nachmaligen Frankreich. Aber die zwischenzeitlich Eroberten konnten nicht mehr widersprechen, und den Lesern war es egal: Der gebildete und einflussreiche Hauptstadt-Römer, den der Autor mit seiner Propagandaschrift davon zu überzeugen suchte, was für ein begabter und ums Vaterland verdienter Feldherr und Politiker dieser Caesar sei – der Hauptstadt- Römer also legte auf die Details keinen Wert. Die bessere Gesellschaft war schon damals überzeugt, dass Leben (im engeren zivilisierten Sinne) nur in der Stadt der Städte und auf der familieneigenen Datsche nahebei denkbar sei. Der Rest war Barbaristan, unwirtlich, unkultiviert, von Halbwilden mit ungewaschenen Füßen, seltsamen Gottheiten und sehr, sehr eigentümlichen Essgewohnheiten besiedelt. Kein Grund erkennbar, sich mit denen näher zu befassen, geschweige denn mit deren genauer geographischer Verteilung. Das sollte sich ein paar hundert Jahre später als fahrlässiges Desinteresse erweisen, weil es für den Römer auf einmal schon wichtig zu wissen war, welche Sorte Barbaren gerade mit dem Schwert an seine Tür pochte. Aber gelernt haben die Hauptstädter dieser Welt aus Roms Untergang diesbezüglich nichts. Beweis? Das Schild, mit dem ein Schöneberger Obst- und Gemüsehändler seine Erdbeeren feilbietet. Die Herkunftsbezeichnung lautet schlicht: „Aus dem Umland“.

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