Politik : Niederlande

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Rashid Novaire,
Generation 25



Das Europa des einundzwanzigsten Jahrhunderts ist mehr denn je - neben einer Landschaft tatsächlicher Gebiete - eine Landkarte imaginärer Orte und Städte. Städte auf anderen Kontinenten, die Europas Immigranten hinter sich zurückließen. Immigranten, die erst kürzlich nach Europa kamen, oder Immigranten, die schon seit mehr als drei Generationen in Europa wohnen. Ihre Erinnerungen. Ihre Illusionen. Sie versetzen mich in ein Moskau oder Beijing, das nicht mehr besteht. Ich will durch die nicht existierenden Gegenden schlendern, durch die allmählich vergessenen Städte, die Heimatländer, so wie sie in den Köpfen neuer Europäer fortbestehen.

Ich will, dass sie mir davon erzählen, in einer Snackbar, auf einer Bank im Park oder in einem Aufzug, der träge durch einen Schacht nach unten gleitet.

Der Autor, Jahrgang 1979, wurde in Amsterdam als Sohn eines marokkanischen Vaters und einer niederländischen Mutter geboren und ist Schriftsteller. Übersetzt aus dem Niederländischen von Karin Ayche.


Rem Koolhaas,
Generation 50

Es geht Europa fast absurd gut. Wir fliegen umsonst, wir werden in ausländischen Gefängnissen besser behandelt, wir haben durch Europa Millionen neuer Freunde bekommen. Friesische Seen werden auf Tiefe gehalten, Rohrleitungen, die die schönsten Strände verschandelten, sind weg. Die spanische Provinz wurde zur Dekoration für vorbeirasende Schnellzüge herausgeputzt, das griechische Straßennetz ist plötzlich zu gebrauchen. Kriegsverbrecher werden vor Gericht gestellt. Irland ist reich. Türken denken darüber nach, wer sie sein wollen. Wir können überall studieren, arbeiten, uns amüsieren. Wir sind ein Sprachenschutzgebiet. Unser Babel funktioniert. Wir bewahren Unterschiede, subventionieren das „Nutzlose“. Auf dem gesamten Kontinent werden Baudenkmäler erhalten und neue Meisterwerke konzipiert. Wer früher von Sorgen gebeugt war, geht nun dank Europa wieder aufrecht. Identität tritt in einem verrückten Mix aus 25 Kulturen, die sich permanent aneinander messen, stärker hervor. Eurovision unendlich.Der letzte Europachef ging ohne Bodyguards über die Straße. Ein Beamtenapparat, der kleiner ist als der von Madrid, verwaltet von bescheidenen, anonymen Büros in Brüssel aus, unseren ganzen Kontinent. Die anderen eurasischen Giganten Indien und China warten wohlwollend, bis wir bereit sind, gemeinsam das postatlantische Zeitalter zu beginnen. Dann kann die Verteilung des Öls zwischen denen geregelt werden, die unmittelbar davon profitieren. Die Wüste braucht nicht mehr für Amerikas SUVs leergepumpt zu werden. Mit rund 400 Millionen Einwohnern bestimmen wir jetzt schon den Geschmack von sechs Milliarden Menschen. Wir bestimmen, was schön ist, was gutes Benehmen ist. Unsere Regeln sind ansteckend, werden freiwillig von allen anderen nachgelebt. Niemand hat Angst vor uns – wir sind unendlich populär.

Der Autor, Jahrgang 1944, ist Architekt. Übersetzt aus dem Niederländischen von Karin Ayche.


Huub Oosterhuis,
Generation 75



Agenor und Belos, Zwillingsbrüder, Söhne des Meeresgottes Poseidon, ziehen aus Ägypten fort, um sich im Land Kanaan niederzulassen.

Agenor zeugt mit Argiope ("Altes Gesicht") vier Söhne und eine Tochter. Seinen Erstgeborenen nennt er Kadmos, seine Tochter Europa. Ihr Name soll "Breites Gesicht" bedeuten und auf den Vollmond verweisen.

Im Gebiet von Tyrus - im heutigen Libanon - geht Europa mit ihren Gefährtinnen spazieren. Auf den Bergen stehen dunkel die biblischen Zedern des Libanon. In der Küstenebene weiden die Hirten Agenors das Vieh.

Vom Olympos aus sieht der allsehende Obergott Zeus das Mädchen Europa hüpfen und spielen und verliebt sich in sie. Er verwandelt sich in einen weißen Stier, ein schneeweißes, gutmütiges Tier mit Hörnern aus Edelstein. Er schließt sich Agenors Herde an und verhält sich lammfromm. Welch ein schöner und lieber Stier, sagt Europa etwas schüchtern zu ihren Freundinnen. Sie wagt sich in seine Nähe, ein schnelles Streicheln - und schon bald spielt sie mit ihm, pflückt Blumen - mit denen sie ihn füttert wie mit Leckereien - und hängt Blumenkränze um seine Hörner.

Er ist tatsächlich ein schöner und lieber Stier, sie klettert auf seinen Rücken, er trägt sie einen ganzen heißen Nachmittag lang seewärts, Richtung Küste. Sie kommen an den Rand des Wassers, er platscht etwas mit den Hufen - dann stürzt er sich in die blauen Fluten, alle Kraft voraus, nimmt Fahrt auf, was nun? Als sie sich umsieht, verblasst die Küste ihres Vaterlandes schon.

Stier-Zeus, wohin? Er pflügt durch die Wellen, und gegen Morgen steigt er am Strand von Kreta aus dem Wasser. Sucht den Schatten eines Weidendickichts an einer Quelle. Europa klettert von seinem Rücken, streckt sich auf dem Boden aus und fällt in einen tiefen Schlaf.

Wie komme ich aus diesem Stierkörper wieder heraus, murmelt Zeus. Schon erledigt, da steht er, aufrecht, Mann-Gott; er beugt sich über sie und streckt sich lang aus. Drei Söhne gebar sie ihm.
Agenor schickt seine Söhne in alle Windrichtungen aus, um sie zu suchen. Sie finden sie nicht.
Europas Vater kam aus Ägypten. Europa kommt von jenseits des Meeres, aus dem Lande Kanaan, dem Gelobten Land des jüdischen Volkes. Europa bekam von dem griechischen Gott Kinder.
Europa wurde in allen Himmelsrichtungen gesucht. Aber nicht gefunden. Blieb sie auf Kreta? Liegt sie dort begraben? Es ist kein Grab bekannt.

Der Autor, Jahrgang 1933, ist Theologe und Poet und kombiniert Theologie mit politischem Aktivismus. Übersetzt aus dem Niederländischen von Karin Ayche.

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