Niedersachsen wählt : Rot-Grün oder Schwarz-Gelb?

In wenigen Minuten fällt die Entscheidung: Kann die CDU wieder mit der FDP regieren oder schaffen SPD und Grüne den Machtwechsel? Wir haben die Kandidaten in den letzten 24 Stunden begleitet.

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Spannung in Niedersachsen: Wer regiert in den kommenden fünf Jahren?
Spannung in Niedersachsen: Wer regiert in den kommenden fünf Jahren?Foto: dpa

Pünktlich um elf Uhr an diesem Sonntagmorgen machte Stephan Weil, 54, in Hannover-Buchholz mit seiner Frau sein Wahlkreuz. „Das wird ein ganz enges Rennen“, sagte der Herausforderer des amtierenden Ministerpräsidenten David McAllister (CDU) . „Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen.“ Danach wollte er wenigstens noch für ein paar Stunden so etwas wie private Zeit verbringen. Ein bisschen Joggen, wenn es das Wetter zulässt, und dann zu Hause sein, loslassen, abwarten, vielleicht ein Buch lesen. So wie dem SPD-Spitzenkandidaten und noch amtierenden Oberbürgermeister von Hannover geht es am Sonntag fast allen Kandidaten in Niedersachsen. Sie haben das Bedürfnis nach Zerstreuung.

Die Demoskopen sind nahe am Patt gelandet mit ihren Umfragen im Vorfeld der Wahl, Kopf an Kopf stehen die Lager Rot-Grün und Schwarz-Gelb sich gegenüber. Selten war eine Landtagswahl so spannend, und selten war sie aufgrund der anstehenden Bundestagswahl im September politisch so aufgeladen. Um die 135 Sitze im Parlament bewerben sich 659 Kandidaten. Bei der Wahl vor fünf Jahren hatte die CDU 42,5 Prozent bekommen und war
damit stärkste Kraft geworden. Die SPD kam auf 30,1 Prozent, die FDP auf 8,2 Prozent und die Grünen auf 8,0 Prozent. Die Linke schaffte 2008 mit 7,1 Prozent erstmals in Niedersachsen den Sprung ins
Parlament.

David McAllister, 42, der amtierende Ministerpräsident der CDU und Nachfolger von Christian Wulff, wählte in seinem Heimatort Bad Bederkesa, Kreis Cuxhafen. „Es ist ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen“, sagte der Regierungschef. McAllister war mit seiner Frau Dunja ins Wahllokal gekommen. Danach wollte er sich ein bisschen Zeit für die zwei Töchter und die Ehefrau nehmen.

Anja Piel, die Spitzenkandidatin der Grünen, wartet auf die Tochter, die extra aus Berlin kommt, um die Mutter zu unterstützen. Am Freitagabend war Anja Piel, die in Fischbeck im Kreis Hameln-Pyrmont wohnt und wählt, wie immer noch mit den beiden Windhunden draußen im Schnee und hat nachgedacht über sich und diese Wahl, sie ist dann zu einem Entschluss gekommen, der lautet: „Egal, was passieren wird, ich will mir als Politikerin Demut und Nachdenklichkeit bewahren.“ Als sie das am Samstagnachmittag erzählt, im ersten Stock der Landesgeschäftsstelle der Grünen, tobt unten im Erdgeschoss noch der Wahlkampf. Wie seit 2009 bei allen Wahlen üblich ist, haben die Grünen auch in Niedersachsen die Aktion „Drei Tage wach“ im Internet gestartet. Unten kommt gegen 16 Uhr an diesem zweiten Tag gerade die 2500. Frage herein, und die Grünen-Europaabgeordnete und Wendländerin Rebecca Harms spricht mit dem zweiten Grünen-Spitzenkandidaten Stefan Wenzel im Livestream über Massentierhaltung und Energiewende.

Um sie herum sind Kabel verlegt, Laptops stehen auf einem großen Holztisch, der vollbepackt ist mit Blumen, Keksen, Obst und vor allem mit „Club Mate“ Flaschen. Am Rande steht ein Wahlplakat von Stephan Weil, handsigniert, „für dich liebe Anja“, am Tisch und in den Nebenzimmern aber sitzen rund 15 bis 20 Unermüdliche, meist aus der Grünen Jugend, und beantworten jede Frage, die online kommt, auch wenn sie noch so abwegig ist.

Im ersten Stock ist Anja Piel zufrieden mit sich und ihrer Partei. „Wir haben uns nichts vorzuwerfen“, sagt sie und findet, man habe es wirklich verdient zu regieren. In einem so kurzen Wahlkampf, der erst Anfang des Jahres so richtig begann, mit unzähligen Veranstaltungen und massiver Unterstützung der Bundesparteien und ihren Prominenten, schaltet wohl jeder Politiker irgendwann auf Autopilot. Er funktioniert und kämpft, Zeit für Reflexion, Zeit zum Innehalten ist da kaum. Piel sagt, es habe trotzdem immer wieder Momente gegeben, wo sie plötzlich gedacht habe, ja, „ich will das wirklich, weil wir es besser machen können, weil doch nur wir sagen, wie wir das Land neu ausrichten wollen“. Die CDU, McAllister, verschließe sich dem.

Das findet auch Stephan Weil, der gerade noch bei den Grünen vorbeigeschaut und sich eingelockt hatte in die Online-Diskussion. Er war froh, im Warmen zu sitzen, denn zuvor hatte er mal wieder viele Stunden Rosen verteilt und dabei Glück gehabt, dass er in der Innenstadt nicht auch noch über David McAllister gestolpert ist, der unangekündigt auch am CDU-Wahlkampfstand auftauchte. Stephan Weil hätte gerne über Themen gesprochen, über Bildung und Demografie, über leichtfertig vertane Chancen bei der Energiepolitik oder auch über die wachsende Zahl an schlecht bezahlten Jobs. Aber wo er in den letzten Wochen auch hinkam, immer war das schon ein Thema: Peer Steinbrück.

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