Politik : Niemand ist kein Ziel

Die Drohung galt Rau

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Von Gerd Appenzeller

Es war seine 75. Auslandsreise als Bundespräsident. Johannes Rau wollte diesem Besuch in Afrika grundsätzlichen Charakter verleihen – durch aufrüttelnde und weit abseits diplomatischer Zurückhaltung formulierte Reden. Rau, der ohnedies zum Grundsätzlichen neigt, hatte sich keinerlei Rücksichten mehr auferlegen müssen. Ein Präsident, der nicht wieder gewählt werden will, ist ja nicht nur, was die Amerikaner eine lame duck nennen, sondern auch zum mutigen Aussprechen unangenehmer Wahrheiten geradezu berufen.

Am späten Dienstagabend brach das deutsche Staatsoberhaupt sein Programm vorzeitig ab. Gestern kehrte er nach Berlin zurück. Eine terroristische Bedrohung ließ den geplanten Besuch bei den deutschen Marinesoldaten in Dschibuti als zu riskant erscheinen. Als zu riskant nicht nur für Rau, sondern auch für seine deutsche Begleitung und die zu seinem Schutz abkommandierten einheimischen und deutschen Sicherheitskräfte. Das Attentat – entweder durch eine Autobombe oder Mörserbeschuss – sollte zur gleichen Zeit stattfinden, zu der in Madrid eine große Trauergemeinde Abschied von den fast 200 Toten der jüngsten islamistischen Terroranschläge nehmen wollte.

Warum geriet ausgerechnet Johannes Rau ins Visier der Terroristen? Rau, der Friedfertige. Rau, dessen Motto einmal „Versöhnen statt spalten“ lautete. Rau, das Staatsoberhaupt eines Landes, das so erkennbar auf Distanz zur amerikanischen Irakpolitik gegangen war?

Die Frage ist falsch gestellt. Der islamistische Terror sucht sich seine Ziele nicht nach berechenbaren moralischen Kategorien, nach westlichen ohnedies nicht. Der islamistische Terror richtet sich gegen Ziele von hoher Symbolkraft. Er schlägt dort zu, wo die Zahl der Opfer besonders groß sein wird oder das einzelne Opfer besonders prominent.

Wer jedoch rationale Begründungen sucht, warum Rau aus islamistischer Sicht bei seiner Afrikareise ein herausragendes Ziel für Attentate gewesen ist, findet diese Begründung auch. Rau, der Weiße, Rau, der Christ (der Kreuzfahrer), kritisierte massiv den schwarzen Rassismus und die Unterdrückung in Simbabwe. Er schonte Südafrika nicht, das aus falsch verstandener Solidarität mit den Leidensgenossen von einst heute vor eklatanten Menschenrechtsverstößen die Augen schlösse. Er richtete Vorwürfe an die nigerianische Regierung wegen der Duldung der Scharia, des islamischen Rechtes. Und er drohte an, Deutschland würde auch in Afrika künftig nur noch Länder unterstützen, deren Politik sich am Wohl der Einwohner orientiere.

Was Rau da in Afrika sagte, umschreibt auch die Wertvorstellungen, die für die Bundesrepublik maßgebend sind. Damit ist aber klar, warum Rau stellvertretend für Deutschland zum Ziel islamistischer Anschlagsplanungen werden konnte. Er ist ein Symbol des Feindbildes, das der Westen insgesamt für diesen Terrorismus darstellt. Es ist kein neues Feindbild. Der Islamismus, den wir heute fürchten, hat seine frühen Wurzeln in den Moslembruderschaften, die der Ägypter Hassan al Banna 1928 als Reaktion auf zunehmende westliche Dominanz gründete.

Der Westen könnte, wenn er auf Gesprächsbereitschaft im islamischen Raum setzt – er sollte es tun – dort eine Politik mit ganzheitlichem Ansatz entwickeln. Den terroristischen Islamismus selbst erreicht er so nicht. Der ist geistig nicht ansprechbar und menschenverachtend. Al Qaida heißt auf Deutsch: „die Basis“. Die ist überall. Und niemand bilde sich ein, er sei kein Ziel. Gerade das macht all die Vorsichtsmaßnahmen, über die jetzt diskutiert wird, so dringend und so zwingend.

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