Politik : "Niemand kann die Serben zurückhalten"

Gibt es unter den Serben ein Unrechtsbewußtsein, nachdem in nur zehn Jahren drei Kriege von Belgrad angezettelt worden sind?



Ich glaube, daß die Serben nun wissen wollen, was in den zehn Jahren tatsächlich geschehen ist. Wir fühlen Verantwortlichkeit nicht nur für Kosovo, sondern auch für Kroatien und Bosnien. Ich wünschte, daß alle Menschen im früheren Jugoslawien Reue und Verantwortung zeigten: Denn nicht einer der Kriege wurde nur von einer Seite geführt. Die serbische Seite trägt die größte Verantwortung, aber da war nie nur einer, der kämpfte. Im Kosovo war auch die UCK-Befreiungsarmee mitverantwortlich für den Bürgerkrieg.



Intellektuelle in Belgrad feinden Milosevic an, weil er vor der Nato kapituliert hat. Was hat das mit Reue zu tun?



Ja, er hat die Kapitulation unterzeichnet. Das sehe ich wie Sie. Er hat den Krieg gegen die Nato verloren. Nun können wir über die Fakten streiten: Ich war von Beginn an gegen die Konfrontation mit dem Westen und der Nato und für eine friedliche Lösung des Kosovo-Problems. Es war dumm, daß es zu der Nato-Intervention gekommen ist. Viele Radikale hätten es lieber gesehen, daß wir bis zuletzt weitergekämpft hätten.



Glauben Sie daran, daß Serben und Kosovaren jetzt friedlich zusammenleben können?



Nein, das erwarte ich sobald nicht. Als Allheilmittel für unsere Konflikte ist immer die Trennung der ethnischen Gruppen gepredigt worden, bis hin zu deren Eigenstaatlichkeit. Das Ziel war nie der Schutz des multi-ethnischen Lebens, sondern immer die Zertrümmerung des Landes durch ethnische Teilung. Niemand kann die Serben zurückhalten, das Kosovo zu verlassen, weil es für sie keine Sicherheit mehr gibt. Die UCK greift an und plündert, wie es die Serben zuvor mit den Albanern gemacht haben.



Kann Ibrahim Rugova, der politische Führer der gemäßigten Kosovaren, die Versöhnung im Kosovo gegen die UCK erreichen?



Herr Rugova ist ein konstruktiver und moderater Politiker. Er hat das über Jahre hinweg gezeigt, aber die UCK ist eine Extremisten-Organisation und sollte entwaffnet und abgesetzt werden. Sie verübt viele Verbrechen, und ich sehe nicht, daß man mit der UCK zusammenarbeiten kann.



Erwarten Sie, daß sich die internationale Gemeinschaft für die Eigenstaatlichkeit oder für die Autonomie des Kosovo einsetzt?



Ich hoffe, daß sie ihre Grundsätze einhält und die bestehenden Grenzen anerkennt. Sollte Kosovo unabhängig werden, sehe ich keinen Grund, warum die bosnisch-serbische Teilrepublik in Bosnien verbleiben sollte. Wenn eine Volksgruppe das Recht auf Selbstbestimmung hat, muß es die andere auch haben.



Arbeiten Sie weiter in der Opposition gegen Milosevic?



Ich werde den Vorsitz der Bürgerallianz nach unserem Kongreß im Juli abgeben, aber in wichtiger Position weiterarbeiten. Ich arbeite seit 13 Jahren gegen Milosevic und werde es solange tun, bis das undemokratische Regime beseitigt ist.



War es möglich, während des Krieges Oppositionspolitik zu organisieren?



Ja. Die Bürgerallianz hat trotz Behinderungen durch den Staat ohne Unterbrechung gearbeitet. Mir wurde Verrat vorgeworfen. Tatsächlich hatte ich nur gesagt, daß wir die Bedingungen der Nato akzeptieren und unser Land vor der totalen Zerstörung bewahren sollten.



Bekommen Sie noch immer Unterstützung aus dem Ausland?



Ich hoffe, daß die Opposition jetzt Hilfe und Unterstützung bekommt. Es gibt Bemühungen aus dem Ausland, in Jugoslawien freie Medien zu fördern, aber ich weiß nicht, inwieweit Parteien unterstützt werden können, solange es bei uns verboten ist, finanzielle Zuschüsse anzunehmen. Uns wird Hilfe für den Wahlkampf angeboten, zugleich aber erwartet, daß die Wahlen wirklich frei und fair sein werden. Die demokratischen Kräfte in Serbien müssen gefördert werden. Dieses Land zu isolieren, wird niemandem weiterhelfen. Mein Vorschlag ist deshalb, das Milosevic-Regime zu isolieren und der Opposition zu helfen.



Wie ist die soziale Lage in Serbien?



Es gibt keine Arbeit, solange es keine Investitionen gibt. Seit den Nato-Angriffen sind viele Fabriken zerstört. Wir haben genug zu essen, aber im Winter wird es schwierig werden, sollte die Stromversorgung bis dahin nicht repariert sein.



Wie sieht der Balkan im Jahr 2010 aus?



Ich hoffe, er ist dann integriert und so demokratisch und entwickelt, wie es in dieser kurzen Zeit möglich ist. Ich bin sehr optimistisch, aber wir brauchen Geduld, um das Haus von Grund auf bis zum Dach zu bauen.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben