Nigeria : Mit der Religion gegen den Staat

Fünf Tage lang griffen Islamisten im Norden Nigerias Polizisten an – erst jetzt konnten die Sicherheitsleute zurückschlagen. Der Anführer ist tot.

Dagmar Dehmer
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Ganze Arbeit. Die Polizisten haben bei ihrem Sturm auf die Sektenanhänger im Norden Nigerias nicht viel übrig gelassen. Foto: AFPAFP

BerlinBerlin - Das Ende der Krise war so blutig wie der Anfang. Vier Tage lang hatten Angehörige einer islamistischen Sekte mit dem Namen Boka Haram (Bildung ist verboten) mit der nigerianischen Polizei und seit Montag auch der Armee gekämpft. Am Ende waren mindestens 300 Menschen tot, nigerianische Medien sprechen von bis zu 600 Todesopfern. Viele davon waren Sektenangehörige aber auch Sicherheitskräfte und Zivilisten. Im Verlauf der Kämpfe hatten die Sektenmitglieder mehr als 150 Frauen und Kinder als Geiseln genommen, rund 4000 Menschen flohen aus dem Kampfgebiet. Vor genau einer Woche hatte der Konflikt mit einem Angriff auf eine Polizeistation in der nordnigerianischen Stadt Bauchi begonnen. Am späten Donnerstagabend nahm die Armee den Sektenführer Mohammed Yusuf fest – wenige Stunden später war er tot, regelrecht durchsiebt von Polizeikugeln.

Boko Haram ist eine islamistische Sekte, die jeglichen westlichen Einfluss ablehnt und verlangt, die Scharia auf ganz Nigeria auszudehnen. „Ihre Interpretation der Religion war absolut“, sagt Nnamdi Obasi von der International Crisis Group. „Sie sehen die Polizei als Instrument der Regierung, um die Interessen des Westens zu schützen. Mit Boka Haram konnte man nicht verhandeln.“

Am späten Donnerstagabend stöberten Soldaten Mohammed Yusuf im Ziegenstall seiner Schwiegereltern auf und nahmen ihn fest. Wenige Stunden später zeigte die Polizei in Maiduguri wartenden Journalisten zwei Filme. Nach Angaben von Bilkisu Babangida, die für die BBC in Nordnigeria arbeitet, zeigte ein Film ein Geständnis Yusufs. Das zweite Video zeigte den toten Yusuf. Ein Polizeisprecher sagte im Staatsfernsehen, der 39-jährige Prediger sei bei einem Fluchtversuch erschossen worden. Nnamdi Obasi sagt aber, dass wenig darauf hindeutet, dass Yusuf „im Kampf“ getötet wurde. „Das passt in das Image der nigerianischen Polizei“, sagt er. Dass sich die wenigsten Nigerianer darüber wundern, zeigt ein Blick auf die Kommentare einer Bürgerreporterseite (www.saharareporters.com).

Nach Einschätzung von Peter Körner, dem Nigeria-Experten des Hamburger Giga-Forschungsverbunds, sind die Ereignisse der vergangenen Tage „die schwerwiegendste Auseinandersetzung von Religiösen mit dem Staat“, die es bisher gegeben habe. Er weist darauf hin, dass Unmut „oft über religiöse Botschaften“ ausgedrückt werde. Michael Roll, der für die Friedrich-Ebert-Stiftung in Nigeria arbeitet, sagt, dass der Islam „als Instrument und verbindende Ideologie gesehen werde, um sich gegen die Situation“ zu stellen. Die nigerianische Demokratie werde als korrupt und unfähig auch nur Basisdienstleistungen für seine Bürger zu erbringen angesehen, sagt auch Obasi.

Im Volksmund werden die Anhänger von Boko Haram als „Taliban“ bezeichnet. Allerdings bezweifeln die meisten Beobachter, dass die Sekte tatsächlich etwas mit den afghanischen Taliban oder gar dem Terrornetzwerk Al Qaida zu tun haben könnte. Klaus Paehler, der für die Konrad-Adenauer- Stiftung in Abuja arbeitet, sagt, „hier schneidet man gerne etwas auf“. Seine Kollegin Monika Umunna, die für die Heinrich-Böll-Stiftung in Lagos stationiert ist, weist auf mögliche Motive für diese Behauptung hin. Boko Haram hätte sich mit den Hinweis auf Al-Qaida-Verbindungen weltweite Aufmerksamkeit sichern können. Und die Gouverneure könnten mit dem gleichen Hinweis davon ablenken, dass hinter den Angriffen womöglich doch politische Motive stünden.

Das sieht Elizabeth Donnelly, Afrika- Expertin beim britischen Think-Tank Chatham House, ähnlich. Sie weist zudem darauf hin, dass die Sicherheitsdienste die Anführer der Gruppierung offenbar schon seit mehr als zehn Jahren im Auge hatten. Nigerianische Medien schreiben, die Gruppierung sei schon seit 1995 vom Geheimdienst beobachtet worden. Yusuf selbst sei im November 2008 schon einmal verhaftet worden. Monika Umunna hält sowohl eine Finanzierung der Gruppierung von außen – die Rede ist von Libyen, dem Tschad oder Niger – wie von einflussreichen Politikern oder Geschäftsleuten für möglich. Für Elizabeth Donnelly ist der religiöse Aspekt eher zweitrangig. Es sei offensichtlich, dass Boko Haram sich vor allem gegen das Establishment im Norden gerichtet habe. Ob die Krise damit beendet ist, „hängt vom Verhalten der Regierung ab“, sagt Obasi.

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