Politik : Nigeria: Mit Macheten und Pistolen gegen die Scharia

Christoph Link

Seit den großen Straßenschlachten von Kaduna mit mehr als 1000 Toten vor anderthalb Jahren brachte das letzte Wochenende die blutigsten Unruhen zwischen Christen und Muslimen in Nigeria. Augenzeugen schätzten die Zahl der Toten in Jos, der Hauptstadt des Bundesstaates Plateau, auf 100. Der Pressesprecher des Bundesstaates, Amos Azi, sprach hingegen am Montag von 51 Toten. Zahlreiche Menschen verbluteten offenbar, nachdem sie nach den Attacken mit Hackmesssern unversorgt auf den Straßen liegen blieben.

Am Samstag hatte Nigerias Staatspräsident Olusegun Obasanjo die Armee in die Stadt beordert, um das Töten zu beenden. Er sprach von einer "Schande für Nigeria". Auch am Montag patroullierte Militär in den Straßen. Nach Angaben der in Lagos erscheinenden Zeitung "Guardian" gingen die brutalen Überfälle am Sonntag in einigen Stadtteilen trotz der Militärpräsenz weiter. In der Nacht zu Montag waren vereinzelt Schüsse zu hören. Der wütende Mob brannte eine Moschee und zwei Kirchen nieder. Christliche Milizionäre errichteten Straßenblockaden, stoppten Autos und suchten nach Muslimen. Hunderte von Flüchtlingen haben die Stadt verlassen oder in den überfüllten Polizeiwachen Zuflucht gefunden.

Der Bundesstaat Plateau, gelegen auf der 1000 Meter hohen Jos-Hochebene im Westen Nigerias, war bislang allgemein für die Freundlichkeit seiner Bewohner bekannt. Die Christen bilden dort die Mehrheit, sie gehören meist der Volksgruppe der Berom an. Die zugewanderten Muslime sind vom Volk der Haussa. Die Gewalt hatte sich am Wochenende bei einem Disput nach dem Freitagsgebet vor einer der Moscheen der Stadt entzündet: Die Berom hatten dagegen protestiert, dass ein muslimischer Haussa Koordinator für ein Regierungsprogramm gegen die Armut werden soll. Nach den Wortgefechten griffen Jugendliche beider Religionen zu Macheten und Pistolen und gingen aufeinander los.

Nigeria ist mit 120 Millionen Einwohnern der bevölkerungsreichste Staat Afrikas. Seit mehrere Bundesstaaten im Norden des Landes das islamische Strafrecht, die Scharia, eingeführt haben, kommt es verstärkt zu religiös motivierten Krawallen. Der Anteil der Christen und der Muslime in Nigeria hält sich mit jeweils etwa 45 Prozent die Waage. Christen, die im Norden in der Minderheit sind, beklagen, dass auch sie der mittelalterlichen Scharia unterworfen werden und bei Vergehen mit Auspeitschungen und Amputationen rechnen müssten.

Indes tagten in Kaduna 40 nigerianische Bischöfe. Erzbischof Peter Jatau beklagte gegenüber der BBC, dass die Bundesregierung in Abuja keinen klaren Standpunkt im Streit um die Scharia einnehme.

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