Politik : "Nirgendwo sonst sterben so viele Kinder an Masern"

Sascha Klettke

"Es gibt nichts zu sehen außer Trümmern, und wir ahnten, dass in diesen Trümmern Menschen wohnen." So berichtete Schleswig-Holsteins Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD) am Montag von ihrer Reise nach Afghanistan. Bei Temperaturen um minus 20 Grad sei ihr dann auch gleich klar gewesen, wo die erste Hilfe hingehen musste: Decken für die Kinder, damit sie sich wenigstens zu zweit eine teilen können, und Pullover für die Mütter.

Eine Woche lang waren Heide Simonis und Sabine Christiansen, Talkshow-Gastgeberin und Botschafterin von Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, in Kabul. Nach ihrer Rückkehr berichteten sie jetzt von einem Land, in dem fast alles zerstört ist und in dem doch viele Menschen über all die Jahre hindurch daran gearbeitet haben, dass es wieder besser wird.

Zum Beispiel die afghanischen Ärztinnen. Simonis erzählte von einer: Wenn die ins Krankenhaus zur Arbeit musste, hat ihr Mann sie stets hingebracht und bei Kontrollen "gesagt, sie ist schwanger. Die hat jeden Tag ein Kind bekommen, wenn es nötig war". Wenn Taliban ins Krankenhaus kamen, musste sie sich in einem Schrank verstecken. Zwar dürfen die Frauen jetzt wieder arbeiten, die Bedingungen aber, zum Beispiel in der einzigen Frauenklinik in ganz Afghanistan, sind weiter katastrophal. 16 000 Kinder werden dort pro Jahr geboren. Weil die schwangeren Frauen oft unterernährt sind, kommen zahlreiche Kinder zu früh. Für sie hat das Krankenhaus aber nur fünf Brutkästen. "Drei davon sind kaputt", so Simonis.

In den schmalen Betten liegen sehr häufig zwei Frauen unter einer Decke. Und dennoch gehe es ihnen im Kabuler Krankenhaus besser als denen in anderen Städten oder auf dem Land. "Jede halbe Stunde stirbt eine Mutter an den Folgen einer Schwangerschaft", sagte Simonis. Auch für die Kinder seien selbst einfache Krankheiten gefährlich: "Es gibt wahrscheinlich kein Land auf der Welt, wo noch so viele Kinder an Masern sterben", sagte Simonis, "bei uns werden sie damit nur ein paar Tage aus dem Kindergarten genommen."

Am 21. März soll in Afghanistan offizieller erster Schultag sein. Doch schon jetzt gibt es privat organisierte Schulen. Sie sind oft aus Schulen in Wohnhäusern entstanden, in denen Mütter während der Taliban-Herrschaft jeweils ein paar Kinder unterrichteten. Eine dieser ehemaligen Haus-Schulen besuchen inzwischen rund 900 Kinder. "Das Schulgebäude ist eine zerbombte Bank", sagte Sabine Christiansen, "Mauerreste trennen die Klassenräume voneinander ab, in denen die Kinder teilweise auf Schutt oder auf dem kalten Boden sitzen." Von Unicef werden die Schulen mit Heften, Stiften, Öfen und Brennstoff unterstützt. Zurzeit gehen in Afghanistan 37 Prozent der Jungen und drei Prozent der Mädchen zur Schule.

Darüber, wie man die Hilfe für Afghanistan in Zukunft am besten organisiert, gibt es unterschiedliche Meinungen. Der CDU-Abgeordnete Heiner Geißler beklagte bei einem Afghanistan-Besuch, dass es wegen der Bürokratie im Land zu lange dauere, bis die Hilfszahlungen ankommen. Heide Simonis sagte dagegen, noch gebe es in Afghanistan eher zu wenig Bürokratie. "Das Land ist total ausgelaugt", sagte sie, "da 14 Milliarden oder mehr drüber laufen zu lassen, wäre Wahnsinn." Was benötigt werde, sei Hilfe zur Selbsthilfe. Das Geld müsse in konkrete Programme fließen, zum Beispiel an Kooperativen, die Wohnungen wieder aufbauen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben