Politik : NMD: Extrem verwundbar

Malte Lehming

Wir schreiben das Jahr 2017. Zwischen den Vereinigten Staaten und China kommt es zu Spannungen. Die Situation eskaliert. Die US-Drohung, man werde notfalls mit militärischen Mitteln reagieren, beantwortet Peking mit einem breiten Grinsen. In diesem Fall, so die selbstbewusste Replik, würde China mit seinen neu entwickelten Laserwaffen die wichtigsten amerikanischen Satelliten abschießen. Ohne ihre Satelliten jedoch seien die Vereinigten Staaten blind.

Die Kriege der Zukunft finden nicht auf dem Boden oder in der Luft statt, sondern im Weltall: Davon ist die neue US-Regierung überzeugt. Das oben beschriebene Szenario wurde tatsächlich durchgespielt. In der vergangenen Woche versammelten sich etwa 250 Militärstrategen im "Air Forces Space Warfare Center" in Schriever/Colorado. Fünf Tage lang brüteten sie über mögliche Bedrohungen, die für Amerika daraus entstehen, dass sich der größte Teil der US-Streitkräfte auf Computer und Satelliten verlässt.

Wer im Ernstfall etwa den Zentralcomputer und das Radarsystem eines modernen Flugzeugträgers lahmlegt, kann den Krieg gewinnen, ohne einen einzigen Schuss abzufeuern. Insofern ist die Gründung der "Space Warfare School" nur eine von vielen Anzeichen, dass sich die amerikanische Sicherheitspolitik zunehmend auf den Weltraum konzentriert. Vor kurzem wurden außerdem zwei militärische Sondereinheiten ins Leben gerufen, die "76. Space Control Squadron" und die "527. Space Aggressor Squadron". Um Verteidigung allein geht es dabei nicht. Ohne "offensive information warfare capabilities" (Angriffswaffen, mit denen sich die Informationstechnologie des Gegners ausschalten lässt), davon sind die Experten überzeugt, ließen sich potenzielle Aggressoren nicht abschrecken.

Die Nuclear Missile Defense (NMD), das nationale Projekt eines Abwehrschirmes gegen Interkontinentalraketen, ist zwar das prominenteste, aber nur eines von mehreren Instrumenten, mit denen Washington auf neue Bedrohungsformen reagieren will. Im wesentlichen werden für die kommenden Jahre zwei Entwicklungen prognostiziert, die ein Umdenken erforderlich machen. Erstens: Die US-Streitkräfte sind extrem verwundbar durch Anti-Satelliten-Waffen. Diese Waffengattung ist technisch zunehmend möglich und relativ billig in der Herstellung. Zweitens: Die Gefahr eines großen Nuklearkrieges ist heute zwar kleiner als während des Kalten Krieges, aber die Wahrscheinlichkeit, dass Massenvernichtungswaffen (atomare, chemische oder biologische) überhaupt eingesetzt werden, ist wegen der Proliferation erheblich gestiegen. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine 68 Seiten umfassende Studie des "National Intelligence Council" im Auftrag des CIA. Der Bericht - "Global Trends 2015: A Dialogue about the Future with Nongovernmental Experts" - wurde vor sechs Wochen veröffentlicht ( www.cia.gov ). Die größte Gefahr für die Vereinigten Staaten, schreiben die Autoren, gehe allerdings nicht von nuklearen Langstreckenraketen aus, sondern von Kurzstreckenraketen oder gar Kofferbomben. Dagegen wiederum sei NMD machtlos.

Überzeugt ist die amerikanische Verteidigungs-Elite ebenfalls davon, dass die Proliferations-Gefahr mit bilateralen oder multilateralen Abkommen allein nicht zu bannen ist. Selbst Demokraten - wie der Abrüstungs-Veteran Sam Nunn - teilen diese Auffassung. Sam Nunn ist vor wenigen Wochen zum Direktor der "Nuclear Threat Initiative" ernannt worden. Diese Organisation wurde mit einer 250-Millionen-Dollar-Spende von CNN-Gründer Ted Turner ins Leben gerufen und soll sich insbesondere um die Situation in den ehemaligen Sowjet-Gebieten kümmern. "Die Gefahr, dass Nuklearwaffen von dort in die Hände von Terroristen gelangen, ist erheblich", sagt Nunn.

Allgemein jedoch nimmt die sicherheitspolitische Bedeutung von Russland weiter ab, die von China weiter zu: Das zumindest meinen die Autoren der CIA-Studie. Auch deshalb wird der chinesische Widerstand gegen NMD in den USA erheblich ernster genommen als der russische. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Russland verfügt immer noch über Tausende von Nuklearsprengköpfen. Seine Abschreckungsfähigkeit würde durch NMD nicht beeinträchtigt. Denn selbst Optimisten glauben nicht, dass ein Raketenabwehrschirm mehr als zehn bis 20 Sprengköpfe gleichzeitig abfangen könnte. China dagegen verfügt nur über etwa zwei Dutzend nuklearer Langstreckenraketen. Auf NMD müsste Peking also mit Aufrüstungsmaßnahmen reagieren, was wiederum Indien auf den Plan riefe, gefolgt von Pakistan. Ein Wettrüsten im Fernen Osten liegt nicht im amerikanischen Interesse.

Bevor er mit Russen oder Chinesen spricht, will US-Präsident George W. Bush die Europäer von NMD überzeugen. Das ist eine der Aufgaben von Verteidigungsminister Donald H. Rumsfeld, der an diesem Samstag zur Wehrkundetagung nach München kommt. Der englische Premier Tony Blair wiederum wird am 23. Februar zu Besuch in Washington erwartet und gilt, was die europäischen Bedenken anbelangt, als aussichtsreichster Wackelkandidat.

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