Politik : Nobody is perfect (Kommentar)

Gerd Appenzeller

George W. Bush hat einen Vorteil und einen Nachteil. Der Vorteil ist: Er hat einen berühmten Vater. Der Nachteil: Die Vereinigten Staaten von Amerika sind eine Demokratie, keine Monarchie. In den USA wird Macht auf Zeit vergeben, nicht vererbt. Die Amerikaner respektieren vor allem jene Leistungen, die aus eigener Kraft vollbracht werden. Und sie haben, je weiter man von den großen Städten der Ostküste wegkommt, umso ausgeprägter, eine tief sitzende Abneigung gegen alles, was mit den Machtzirkeln Washingtons in Verbindung gebracht werden kann. Ergibt sich aus alledem schon die Erklärung für den überraschenden doppelten Vorwahlsieg des republikanischen Herausforderers John McCain über den Favoriten Bush? Es ist nicht die ganze, aber doch mehr als die Hälfte der Wahrheit.

George W. Bushs Vater war der 41. Präsident der USA. Der hat für den Sohn, den texanischen Gouverneur, viel Geld gesammelt, um seine Chancen zu verbessern, dass er erst von den Republikanern nominiert und dann von den Wählern zum 43. Präsidenten gekürt werden möge. Mehr als 20 Millionen Dollar kamen zusammen. Sein innerparteilicher Kontrahent McCain hat gerade einmal acht Millionen Spendendollar bekommen. Bush, das ist in Amerika ein großer Name, viel bedeutender als McCain. Es war also ein bisschen der Kampf des David gegen den Goliath, über dessen Ausgang die Bürger von Michigan zu entscheiden hatten. Bürger wie Gerald Ford, der bodenständige Ex-Präsident, der in Michigan lebt, in einem Bundesstaat mit mittelständischer Industrie und viel Landwirtschaft. Das Wahlergebnis aus Michigan verrät viel über amerikanisches Denken und Fühlen.

Arizona, den Heimatstaat des Senators McCain, hatte George Bush vermutlich selber schon abgeschrieben. Aber Michigan, das tat weh, auch wenn Bush das Ergebnis für sich schönreden kann. Schließlich durften in dem weiten Land zwischen den großen Seen nicht nur die Republikaner, sondern alle Wahlberechtigten ihre Stimme abgeben. Das war also eine ganze besondere Form des Caucus, der Vorwahl. Und von McCains Wählern waren auch nur knapp die Hälfte Republikaner, während Bush seine Stimmen fast nur aus diesem seinen eigenem Lager holte. Jeder dritte McCain-Wähler war ein Unabhängiger, jeder fünfte ein Demokrat. Am 7. März, dem wahrscheinlich alles entscheidenden Dienstag, dem so genannten Super Tuesday, wird das anders sein. Dann sind die Vorwahlen in 15 Bundesstaaten und Territorien, darunter in New York und Kalifornien. An diesem Dienstag werden 60 Prozent der Delegiertenstimmen für den republikanischen Nominierungskongress vergeben. Und in fast allen diesen Bundesstaaten gilt, dass nur eingeschriebene Republikaner wählen dürfen. Keine Chance also für eine Wiederholung des McCain-Effektes von Michigan - hoffen die Berater von Bush.

Kann sein. Es kann aber auch anders kommen: McCain, der Kämpfer gegen das große Spendengeld, McCain, der Politik gegen die "Maschine Politik" machen will, McCain, der sechs Jahre Gefangenschaft beim Vietcong durchstand, dieser McCain hat in Michigan eine eigene, neue Mehrheit entdeckt, die "McCain-Mehrheit": Ihn wählen auch Unabhängige und Demokraten. Das Meinungsforschungsinstitut Gallup bestätigt ihn. Im direkten Vergleich mit dem vermutlichen demokratischen Kandidaten Al Gore würde McCain im November, meint Gallup, haushoch siegen. Bush aber würde unterliegen, denn der gilt als so konservativ, dass er nicht einmal das eigene Lager hinter sich bringen kann. Das alles muss die Vorwahlen nicht beeinflussen. Aber wer kann das schon mit Sicherheit sagen? Schließlich wollen die Republikaner einen der ihren als Präsidenten, nicht nur als Kandidaten.

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