Politik : Noch ein Hugenotte in Berlin

In Sachsen gehört der Allrounder Thomas de Maizière zu den profiliertesten Politikern – jetzt wird er Chef im Kanzleramt

Matthias Schlegel

Politische Rituale sind manchmal etwas bizarr: Bevor die Chefin, Kanzlerkandidatin Angela Merkel, nicht gesprochen hat, darf auch der Betroffene nicht sprechen. Also bestätigt das Dresdner Innenministerium am Montagmittag, als alle Spatzen es längst von den Dächern pfeifen, nicht, dass Minister Thomas de Maizière Kanzleramtschef in Berlin werden soll. Immerhin so viel: Er befinde sich gerade auf einer Fahrt nach Berlin.

Zur gleichen Zeit darf Sachsens CDU-Generalsekretär Michael Kretschmer schon mal jubeln: Die sächsische CDU sei „sehr glücklich, total happy“. De Maizière sei eine „exzellente Wahl“. Er habe schon „in vielen Positionen gezeigt, dass er’s kann“. Angesichts dessen, dass die Partei eines ihrer besten Pferde aus dem Stall weggibt, erscheint solche Freude fast ein wenig despektierlich. Doch Kretschmer, selbst Bundestagsabgeordneter, ist überzeugt: Sachsen könne nun direkt auf den Aufbau Ost und die Bundespolitik Einfluss nehmen, „das ist das Beste, was uns passieren kann“.

Bei der Linkspartei PDS hört sich das verständlicherweise etwas anders an. Der Mann laufe vor der bevorstehenden Verwaltungsreform davon, die ihm wohl „eine Nummer zu groß“ sei. Gleichwohl bescheinigt auch PDS-Fraktionschef Peter Porsch dem Scheidenden, seine Partei habe „das in der Regel sachlich-professionelle Auftreten von Herrn de Maizière im politischen Alltag geschätzt“. Für eine Oppositionspartei kommt das geradezu einer Liebeserklärung gleich.

In der Tat scheint der 51-jährige Spross einer Hugenottenfamilie und Sohn des einstigen Generalinspekteurs der Bundeswehr, Ulrich de Maizière, bei Freund und Feind gleichermaßen geachtet zu sein. Da wird ihm auch der kleine, wiederum den politischen Ritualen geschuldete Fauxpas verziehen: Dass er am vergangenen Freitag, nachdem Gerüchte über seine Berufung aufgekommen waren, noch mitteilen ließ, sein Platz sei in Sachsen. Denn die endgültigen Absprachen in den regen Telefonkonferenzen erfolgten erst am Samstag. Und es war noch Norbert Röttgen aus Nordrhein-Westfalen für den Posten im Rennen.

Sachsens Regierungschef Georg Milbradt hat bei Angela Merkel heftig für den klugen, sachlichen Allrounder geworben, der allein in Sachsen in sechs Jahren vier verschiedene Ministerposten innehatte. Doch er stand wohl bei ihr ohnehin auf der Liste, und das nicht nur, weil sie der gleiche Jahrgang sind – 1954. Schließlich war der geborene Bonner einer ihrer zuverlässigsten Mentoren 1990 beim Einstieg in die Politik. Der damalige Westberliner CDU-Sprecher, vormals Mitarbeiter der Regierenden Bürgermeister von Weizsäcker und Diepgen, beriet die letzte DDR-Regierung seines Cousins Lothar de Maizière und damit auch die stellvertretende Regierungssprecherin Merkel. Später kreuzten sich ihre Wege immer wieder in Mecklenburg-Vorpommern.

Als Regierungschef Kurt Biedenkopf in Sachsen Ende 2001 Milbradt wegen angeblicher Illoyalität als Finanzminister entließ, ging der Posten an de Maizière. Dem Verhältnis zwischen Milbradt und de Maizière hat das nicht geschadet. Nachdem Milbradt dann Biedenkopf 2002 beerbt hatte, war de Maizière stets eine stabile Größe im gelegentlich fragil wirkenden Regierungslager.

Auch wenn für den jüngsten Spross der fünfköpfigen Familie de Maizière, der in Dresden dem berühmten Kreuzchor angehört, eine Lösung gefunden werden muss – der Vater wird den Wechsel in hugenottischer Tradition vollziehen: klaglos.

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