Politik : Noch ein Spitzengespräch – kurz vor zwölf

Union und SPD spannen das Publikum mit ihren Sondierungen weiter auf die Folter

Stephan Haselberger

Berlin - Man gewöhnt sich an alles – selbst an das große Warten auf die große Koalition. Inzwischen hat die Szenerie etwas Vertrautes: Vor der Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin, vis a vis vom Reichstag, stehen die Touristen Seite an Seite mit den Kameraleuten. Und warten und warten und warten. Und nie zeigt sich einer von denen da drinnen zwischendurch dem geduldigen Volk.

So war es bei den diversen Sondierungsgesprächen und beim ersten Spitzengespräch zwischen Union und SPD am vergangenen Donnerstag. Und so war es auch am Sonntagabend, als Angela Merkel, die Möchtegern-Kanzlerin, und Gerhard Schröder, der Noch-Kanzler, mit dem SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering und dem CSU-Vorsitzenden Edmund Stoiber wieder in der Parlamentarischen Gesellschaft saßen, um über Personalfragen zu sprechen. Viele Schaulustige warteten draußen. Antworten auf die Fragen bekam keiner. Wer wird Kanzler, wer Vize? Wer muss den Finanzminister stellen, wer darf das Sozialministerium besetzen? Wer wird Koch, wer ist Kellner? Und nach wessen Rezepten soll in der neuen Großküche überhaupt gearbeitet werden? Nach denen von Schröder, selbst wenn er nicht mehr Kanzler sein darf? Was bleibt dann noch übrig von der Reformerin Merkel, die so mutig sein wollte im Wahlkampf und im Regierungsamt?

Nichts von alledem war klar an diesem Sonntagabend, als die Verhandlungspartner pünktlich um 20 Uhr zusammenkamen. Außer das eine: Das Volk wird sich noch ein wenig gedulden müssen, bis die Parteien ihren Widerwillen überwunden haben gegen die von den Wählern verordnete Zwangsehe. Erst an diesem Montag soll nun die Entscheidung über das Kanzleramt fallen. Vorher müssen die Parteipräsidien früh um neun Uhr ihren Segen geben – was vor allem auf der SPD-Seite wichtig ist, wo sich manche eine Zukunft mit Merkel noch weniger vorstellen können als eine Zukunft ohne Schröder. Um elf gibt es noch ein Spitzengespräch Merkel-Stoiber- Schröder-Müntefering, dann kommt der SPD-Vorstand zusammen und muss beschließen, ob die Partei Verhandlungen mit der Union beginnt. Ja, ganz genau: Die bisherigen Gespräche, Treffen, Sondierungen waren erst der Anfang, das große Tauziehen der Schwarzen mit den Roten kommt erst noch: Atomausstieg, Subventionskürzungen, Haushaltssanierung, es gibt viel zu tun und noch mehr zu streiten.

Ob die Koalitionsverhandlungen ebenfalls im Gebäude der Parlamentarischen Gesellschaft stattfinden, ist bisher übrigens nicht geklärt. Es hätte aber einen schönen Vorteil: Alle haben sich daran gewöhnt. Am Sonntagabend wünschte sich eine Schülerin vor dem Gebäude: „Ich fände es am besten, wenn die ’ne WG bilden.“

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