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Politik : Noch hat sich kein Kandidat erklärt: Das sagt alles über die labile Verfassung der Partei

Tissy Bruns

Noch hat sich kein Kandidat erklärt. Das gehört zu den Eigentümlichkeiten des Machtkampfs um die CDU-Spitze. Am Sonntag nach dem Doppelrückzug von Wolfgang Schäuble erheben sich viele Stimmen für Volker Rühe. Zwei Tage zuvor standen die Aktien für Generalsekretärin Angela Merkel höher, und noch am Donnerstag schien alles auf die Übergangslösung Bernhard Vogel hinauszulaufen. Und morgen kann alles ganz anders sein.

Dass niemand nach üblichem Parteien-Ritual einen "Anspruch angemeldet hat", sagt wenig über die Absichten der Anwärter, aber alles über die labile Verfassung der CDU. Von den potenziellen Bewerbern angefangen, kann niemand wirklich abschätzen, was die CDU denkt und fühlt. Natürlich traut Angela Merkel sich den Parteivorsitz zu, wenngleich nicht unter allen Umständen. Sonst hätte die Vielgerufene, die auf der ersten Regionalkonferenz umjubelt wurde, längst Nein sagen müssen. Sie hat am Wochenende mit Hamburg einen Landesverband förmlich hinter sich gebracht.

Es ist übrigens der Verband, aus dem Rühe kommt, und der hat wie bei anderen Gelegenheiten ohne Worte zu erkennen gegeben, dass mit ihm zu rechnen ist. Rühe ist gebremst, denn er muss bis zum nächsten Sonntag noch darum kämpfen, Ministerpräsident in Schleswig-Holstein werden zu wollen - obwohl jedermann glaubt, dass er dort nicht siegen kann. Doch Rühe kennt den Unterschied zwischen siegen und gewinnen: "Je nachdem, ob es mir gelingt, dort Erfolg zu haben, ergeben sich meine Möglichkeiten für die Zukunft. Für mich ist das auch eine Wahl, die darüber entscheidet, welche Möglichkeiten ich danach habe," sagt der Ex-Verteidigungsminister - eine indirekte Ankündigung.

Vogel wiederum erklärt, er habe "nicht die Absicht, von mir aus den Hut in den Ring zu werfen." Aber der Thüringer Ministerpräsident weist zugleich darauf hin, dass er sich wiederholt von seiner Partei habe in die Pflicht nehmen lassen.

Die unerklärten Kandidaten haben erklärte Unterstützer. Die Wahlkampf-Helfer für Merkel arbeiten mit offenem Visier. Heiner Geißler, Rita Süssmuth, die ehemalige Familienministerin Hannelore Rönsch und andere Christdemokratinnen haben sich für sie ausgesprochen, vor allen aber die Jungen. Sprachrohr ist der niedersächsische CDU-Chef Christian Wulff, der auch den Part übernommen hat, Rühes wichtigste Bataillone in die Schranken zu weisen. Die Entscheidung sei Sache der CDU, wiederholt Wulff unermüdlich an die Adresse der CSU.

Die wiederum darf nach den zwischen-parteilichen Gepflogenheiten keinen Namen nennen. Desto betonter weist CSU-Chef Edmund Stoiber auf Maßstäbe hin. Dass er Merkel für nicht ausreichend integrationfähig nach rechts hält, unterstreicht er mit der Bemerkung, die Union müsse weiterhin das große "Sammelbecken von der Mitte über Wertkonservative bis zur demokratischen Rechten" sein.

Zuspruch erhält Rühe von Brandenburgs CDU-Chef Jörg Schönbohm, vormals unter Rühe im Verteidigungsministerium, zudem von Unions-Fraktionsvize Rupert Scholz, vormals Verteidigungsminister. Erwin Teufel, Regierungschef in Baden-Württemberg, erklärt alle drei Kandidaten für geeignet, und Kurt Biedenkopf gleich dazu.

Wie schwer es dem CDU-Establishment fällt, die Stimmungslage der Partei abzuschätzen, hat Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen in der Bemerkung ausgedrückt, er sehe "mehrere Persönlichkeiten, die die Union aus der Krise führen können".

Merkel und Rühe reagieren über Zeitungsgespräche. Rühe in der "Welt am Sonntag": Er macht die "richtige Verbindung zwischen Erneuerung und Bewahrung dessen, was die Union als führende Kraft in Deutschland geprägt hat" zu seinem Motto. Merkel setzt im "Focus" auf "eine Mannschaft, die in der Breite das repräsentiert, was die CDU ausmacht". Ihre Beruhigungspille an die CSU: "Neuanfang und Umbruch kann nicht heißen, Radikalforderungen durchzusetzen."

Wahlkampf auch außerhalb der Union. Am Sonntag zeigt sich eine "Bandbreite" auch im Hause Springer. Während die "Welt am Sonntag" für Rühe wirbt, setzt "Bild am Sonntag" auf Merkel. Zum begleitenden Wahlkampf gehören die Geschichten über Wolfgang Schäuble, der für sich "keine reelle Chance" mehr gesehen hat. Und über den designierten neuen Fraktionsvorsitzenden Friedrich Merz, der mit Kindern, Klarinette und politischen Äußerungen vorgestellt wird. Merz äußert sich über den gerade triumphal bestätigten hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch doppelt überraschend: "Ich kann verstehen, wenn viele Leute sagen, dass dieses Fehlverhalten nicht mit dem Amt des Ministerpräsidenten vereinbar ist."

Von Kochs Rücktritt will Merz jedoch nichts wissen. "Wenn wir diese Maßstäbe anlegen, dann müssten auch der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und der Bundespräsident zurücktreten." Ganz anders sieht das ein ehemaliger Bundespräsident aus den Reihen des CDU. Als "in ihrer moralischen Substanz völlig unterschiedlich" bezeichnet Richard von Weizsäcker die Fälle Hessen und Nordrhein-Westfalen. Koch habe vorsätzlich die Unwahrheit gesagt. Johannes Rau habe die Öffentlichkeit nicht vorsätzlich hinters Licht führen wollen, sondern mehrfach nachinformiert.

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