Politik : Noch ist nicht abgerechnet (Leitartikel)

Stephan-Andreas Casdorff

Was für ein Tag: Der Rekordkanzler, der "Kanzler der Einheit", der Ehrenbürger Europas, der Ehrenvorsitzende der CDU - er wird von den Nachfolgern in seiner Partei zur Krisensitzung vorgeladen. Er übernimmt die Verantwortung für Fehler in seiner Amtszeit als Parteichef und gibt mögliche Verstöße gegen das Parteiengesetz zu. Und dann geht Helmut Kohl. Ein unrühmlicher Abgang.

Kohl, der Ehrenmann: Er hat immer darauf beharrt, in Geldsachen ohne Fehl und Tadel zu sein. Zuletzt hat er sich im Bundestag empört, alle Vorhaltungen in Bausch und Bogen als Verleumdung abgewehrt. Und jetzt? Jetzt muss er immerhin zugeben, in der CDU "getrennte" Konten geführt zu haben - entgegen den Vorschriften, auch denen seiner Partei. Unter dem Zwang der Ereignisse hat Kohl sein "System" öffentlich gemacht. Seine Erklärung ist ein Dokument: Kohl erhob sich zum Schluss seiner Amtszeit über alle, vereinigte alle Macht auf sich, stand über allem. Er hat Zuwendungen nach Gutdünken verteilt, und er hat nach höchsteigenem Urteil gestraft, wenn es ihm gefiel; oder missfiel. Mit den Jahren ersetzt dann Selbstgewissheit das Unrechtsbewusstsein. Und Kohl hat Jahrzehnte regiert, geherrscht wie ein Patriarch. Die Partei hat sich ihm ergeben. Wie es zuging, haben dort Viele selbst erlebt. Nun erfährt es die ganze Republik. Ein historischer Vorgang.

Kohl, der Ehrenvorsitzende: Die CDU sei "stolz" auf ihn, sagt Wolfgang Schäuble. Er weiß es besser. Der Stolz auf eine Ära, auf 16 Jahre Kanzlerschaft bröckelt. Wie der Sockel für das Denkmal, das die Partei Kohl errichtet hatte. Er sollte entrückt sein, sich nicht mehr einmischen und die Tagespolitik nicht mehr beeinflussen. Er hat doch nicht loslassen können. Als Schäuble krank wurde, wer machte sich sofort wieder breit, in Partei und Fraktion? Wer drohte wieder, die CDU zu erdrücken? Kohl als ewige Last. Eine tragische Entwicklung.

Dieser Abgang ist keine Befreiung. Die CDU mag hoffen, dass sich der Altkanzler nun aber endgültig zurückziehen muss und damit auch die Zeit der Bevormundung vorbei ist: nach 25 Jahren endlich frei. Kohl selbst mag denken, dass er in einer letzten großen, uneigennützigen Tat alle Vorwürfe auf sich zieht. Dann würde ihm Partei dafür noch einmal Dank schulden - und der Mythos lebte fort. Aber so wird es nicht sein. Die CDU wird noch länger mit Helmut Kohl leben müssen, ganz sicher über die Landtagswahlen im nächsten Jahr hinaus. Sie muss sich von ihrer Ergebenheit lösen, aber sie kann ihn nicht einfach abschütteln, selbst wenn er geht.

Kohl, der gefallene Held. Er wird im Mittelpunkt von parlamentarischen Untersuchungen stehen, die erst noch beginnen. Er wird mit weiteren Vorwürfen konfrontiert werden und wird sich viel gefallen lassen müssen. Schon jetzt hat ihn die Erde wieder.

Was auf den Politiker Kohl bezogen eine traurige Affäre ist, kann immer noch eine Staatsaffäre werden. Denn so liest sich die Erklärung des Altkanzlers auch: als ob da noch etwas wäre. Er hat alles auf sich gezogen, aber pauschal. Im Detail hat er keine Antwort gegeben. Welche Konten waren wo? Woher kam das Geld? Wieviel war es? Tausende oder doch Millionen? Wofür wurden sie gezahlt? Was erhofften sich die Spender? Diese Antworten können alle noch kommen, weil die Wirtschaftsprüfer am Werk sind. Sie müssen kommen. Aber wer weiß, was darüber hinaus noch alles herauskommen wird, jetzt, da Kohl nicht mehr der Inhaber höherer Moral ist. Noch ist nicht abgerechnet.

Vieles bleibt fragwürdig: Was Helmut Kohl getan hat - hat das wirklich nur Heiner Geißler gewusst? Wie viel haben die anderen im Präsidium der Partei gewusst? Was haben sie getan? Vielleicht ähnliches wie Kohl? Die Spürhunde sind schon da. Die Jagd hat begonnen.

Es wirkt ironisch und ist doch tragisch: Zehn Jahre nach dem Fall der Mauer ist Kohl als der große Staatsmann gefeiert worden. Und zehn Jahre nach dem Scheitern der partei-internen Revolte holt ihn die Geschichte ein. Helmut Kohl - in diesem Moment ganz klein. Käuflich war er als Kanzler in Staatsgeschäften wohl nicht, aber es scheint, als habe er versucht, sich das Wohlwollen seiner Partei zu erkaufen. Der "pater familias" als Pate, so sieht es aus. Was für ein Tag.

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