Politik : Noch ist viel zu tun am Hindukusch

Der Wiederaufbau Afghanistans kommt voran – manchem allerdings zu langsam

Karin Wollschläger

Berlin - „Die Situation der Bevölkerung hat sich durch den Isaf-Einsatz eindeutig verbessert“, bilanziert Joachim Bönisch von der Welthungerhilfe. Er ist bereits seit mehreren Jahren für die Hilfsorganisation in Afghanistan im Einsatz, speziell auch in der Provinz Kundus, wo ein Wiederaufbauteam deutscher Soldaten stationiert ist. In den Städten gebe es nahezu überall wieder eine funktionierende Infrastruktur. Hunderte Kilometer Straßen hätten die Soldaten repariert, ein Telefonnetz aufgebaut, die Stromversorgung in Stand gesetzt. „Das verbessert die Lebensumstände der Menschen ungemein. Und dadurch floriert auch wieder die Wirtschaft: Die Märkte sind voll, es gibt endlich genug Waren“, sagt Bönisch.

Zugleich zeigt er Verständnis, dass der Wiederaufbau noch nicht überall Früchte trägt. „Das Land ist doppelt so groß wie Deutschland und hat schwer zugängliche Gebirgsregionen. Da kann man nicht erwarten, dass nach vier Jahren jeder Ort wieder perfekt versorgt ist.“ Weitere Probleme sieht der Entwicklungshelfer darin, dass die afghanische Polizei immer noch keine reale Macht habe und dass der Opiumanbau weiter ungestört floriere, ohne dass die Bundeswehr eingreife.

Weitaus kritischer beurteilt Rupert Neudeck, Leiter der Hilfsorganisation „Grünhelme“ und Gründer des Notärztekomitees „Cap Anamur“, den Einsatz. „Meine Erfahrung ist, dass die Bundeswehrsoldaten vor lauter Sicherheitsbedenken kaum etwas anpacken dürfen“, kritisierte er. Viele von ihnen seien frustriert, weil sie mit viel Idealismus ins Land kämen, helfen wollten und dann sechs Monate im Umkreis ihrer Lager feststeckten, berichtet Neudeck, just von einer Afghanistan-Tour zurückgekehrt. Insgesamt gestalte sich die deutsche Hilfe trotz der Sympathie und der großen Hoffnung der Afghanen auf Deutschland zu ängstlich. Sie komme über die Hauptstadt Kabul und die großen Zentren zu wenig hinaus. Gerade die ländlichen Regionen aber benötigten Schulen, Ambulanzen und Krankenhäuser, um das Land zu stabilisieren.

Skeptisch sieht Caritas International, das verstärkt humanitäre Engagement der Bundeswehr. „Die Soldaten sollten nur Aufgaben übernehmen, für die sie auch ausgebildet sind“, sagte der Afghanistan-Experte Thorsten Hinz. Eine strenge Trennung zwischen militärischen und humanitären Einsätzen sei absolut erforderlich. Sonst könnten brisante Verwirrungen entstehen. „Wenn die Afghanen denken, jeder ausländische Helfer sei in militärische Aktionen verwickelt, könnte es schon bald Anschläge auch auf Hilfsorganisationen geben“, warnte Hinz.

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