• Noch nie hat der Vatikan Abwassergebühren bezahlt - Nun protestieren die Städtischen Wasserwerke

Politik : Noch nie hat der Vatikan Abwassergebühren bezahlt - Nun protestieren die Städtischen Wasserwerke

Yaroslav Trofimov

Immerhin gingen dem Betrieb inzwischen schon Millionenbeträge durch den Lappen - "Hohe Diplomatie"Yaroslav Trofimov

Es ist ein schmutziges Geheimnis des Heiligen Stuhls: Wann immer jemand die Toilettenspülung innerhalb der Mauern des Vatikans drückt, fließt auch das Geld der Aktionäre der Acea SpA den Abfluss hinunter. Das liegt daran, dass der souveräne Staat im Zentrum von Rom seine Abwassergebühren nicht zahlen will. Die belaufen sich nach Angaben der städtischen Wasserwerke Acea mittlerweile auf 23 Millionen Euro und steigen ständig. "Wir können nicht einfach die Leitung abklemmen", klagt Acea-Vorstandschef Paolo Cuccia. "Es ist ein äußerst delikater Fall, da es um internationale Beziehungen geht."

Hohe Diplomatie in der Tat: Vatikan und Wasserwerke stehen sich in einem unfeinen, profanen Streit über die Zahlung der Gebühren gegenüber. Der Heilige Stuhl beruft sich auf internationales Recht und verlangt, dass der italienische Staat zahlen soll. Und während die Diplomaten verhandeln, summieren sich bei Acea die ungedeckten Beträge. Schuld am Abwasser-Sumpf ist der Lateranvertrag, der 1929 zwischen dem faschistischen Diktator Benito Mussolini und Kardinal Pietro Gasparri, dem Außenminister von Papst Pius XI, geschlossen wurde - also jener Vertrag, der den Vatikan zu einem eigenen Staat machte. Das Problem: Damals, im Jahr 1929, wurden die Abwässer Roms direkt in den Tiber gekippt. Niemand konnte sich vorstellen, dass die Abwasserentsorgung einmal Geld kosten würde. Daher besagt Artikel sechs des Lateranvertrages, dass der italienische Staat sauberes Wasser kostenlos bereitstellt - ohne näher zu bestimmen, wer die Kosten trägt.

Das hat sich geändert. Seit Ende der 80er Jahre schreibt der italienische Staat die Abwasserbehandlung vor. Acea, damals noch ein städtischer Eigenbetrieb, baute Kläranlagen und führte auch das Abwasser des Vatikans in das Klärsystem ein. Zuerst machten man sich keinen Gedanken darüber, ob der Vatikan die Gebühren zahlen würde. Geld verdienen stand schließlich nicht ganz oben auf der Prioritätenliste. "Seit dem antiken Rom wurde Wasser als ein Geschenk Gottes angesehen, als etwas, für das man eigentlich kein Geld nehmen darf", sagt Maurizio Del Re, der die Wasserwerke von Acea fast zwei Jahrzehnte lang leitete, bevor er im vergangenen Jahr das Unternehmen verließ. "Wir mußten uns damals einfach nicht um die Rentabilität kümmern."

Dann kam der Börsengang. Als das neu bestellte Management Anfang 1998 mit den Vorbereitungsarbeiten dafür begann, stellte sich heraus, dass die offenen Rechnungen des Vatikans ein Volumen von 20,7 Millionen Euro erreicht hatten. "Für mich kam das Abwasserproblem aus heiterem Himmel, als wir uns für die Marketingkampagne vorbereiteten", erinnert sich der damalige Finanzvorstand Isidoro Lucciola. Die Stadt Rom, die noch mit 51 Prozent an Acea beteiligt ist, schritt zur Hilfe. Sie übernahm die Bürgschaft für alle Schulden des Vatikans, die bis 1988 datierten. Was die Abwasserrechnungen neueren Datums anbelangt, muss Acea allein haften. Nach dem letzten Stand liegen sie bei 2,3 Millionen Euro.

Der Streit ist peinlich, weil Rom und der Vatikan für die kommende Milleniumsfeier 29 Millionen Touristen und Pilger erwarten. Der italienische Staat gibt 1,5 Milliarden Euro für Erneuerungen in der Stadt und die Jahrtausendfeierlichkeiten aus, die zusammen mit dem Heiligen Stuhl vorbereitet werden. Daher ist gerade zum jetzigen Zeitpunkt keiner darauf aus, die Frage unbezahlter Abwassergebühren zu erörtern. So nannte der Heilige Stuhl die Forderungen von Acea in einer offiziellen Erklärung "ein Missverständnis". Vor 1998 seien die römischen Abwassergebühren sozusagen eine Art Steuer gewesen - und es ginge nicht an, dass der Vatikan an einen anderen Staat Steuern zahle, heißt es in der Erklärung. Dennoch hat der Heilige Stuhl die Tür für eine friedliche Lösung offengelassen. So wurde Acea unter mehreren Bewerbern für die Beleuchtung des Petersdom ausgesucht. Außerdem deutete der Vatikan an, die Gebühren nach 1998 zahlen zu wollen.

"Es gibt keinen richtigen Streit mit Acea", behauptet Rev. P. Ciro Benedettini, stellvertretender Leiter des vatikanischen Pressebüros. "Aber das muss zwischen beiden Staaten gelöst werden. Der Vatikan verhandelt nicht mit einzelnen Unternehmen." Nun vermittelt also das italienische Außenministerium. "Gott sei Dank müssen wir nicht direkt mit dem Vatikan verhandeln", sagt der Acea-Vorstandsvorsitzende Cuccia. Und die römische Stadtverwaltung, die den Großteil der Vatikan-Rechnungen zahlen muß, wenn nicht eine Einigung gefunden wird, äußert sich noch zurückhaltender. "Ich stehe ständig mit vielen Leuten im Vatikan i Kontakt. Aber wir haben über alles mögliche außer Acea gesprochen", sagt Paolo Gentiloni, Ausschussmitglied der Stadt für internationale Beziehungen. "Das Thema wurde auch nie im Stadtrat erörtert."

Es gibt einen weiteren Gesichtspunkt bei der Wasserkontroverse: Zwar ist der Lateranvertrag eindeutig in dem Punkt, dass der Heilige Stuhl für sauberes Wasser nicht zahlen muss. Nur weiß niemand genau, wer es statt dessen tun soll. Vor dem Börsengang war Acea ein städtisches Unternehmen und musste daher die Kosten tragen. Aber trifft das noch zu, wenn 49 Prozent der Unternehmensaktien an der italienischen Börse in Mailand gehandelt werden?

"Das saubere Wasser des Vatikans geht in die allgemeinen Betriebskosten ein, da wir es nicht als Kredit an die italienische Regierung erfassen", sagt Lucciola, der frühere Acea-Finanzvorstand. Also wird das frische Wasser des Vatikans von den Acea-Aktionären gezahlt. Das sorgt für Verstimmung. Immerhin handelt es sich um eine beträchtliche Wassermenge. Der Vatikan mit seinen luxuriösen, der Öffentlichkeit verschlossenen Gärten verbraucht schätzungsweise 5,5 Millionen Kubikmeter Wasser im Jahr - genug für eine Stadt mit 60 000 Einwohnern. "Als gläubiger Katholik wäre mein erster Impuls, die Partei des Heiligen Stuhls zu ergreifen", sagt Patrizio Pazzaglia, der 1,5 Millionen Euro der Acea-Aktien in einem Investmentfonds bei Nusa SIM in Rom hält. "Aber in diesem Fall überwiegt mein Interesse als Anleger. Es geht nicht um eine spirituelle Frage. Es wird eine Leistung erbracht, und für die muß gezahlt werden."Übersetzt und redigiert Karen Wientgen.

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