Politik : Nordirischer Frühling

In den USA wächst der Druck auf die IRA – Kennedy fordert ihre Auflösung, Bush empfängt Opfer

Martin Alioth[Dublin]

Stimmungswandel in Washington: Nachdem der 33-jährige Katholik Robert McCartney Ende Januar vor einer Bar in Belfast von der IRA umgebracht worden war, verstärkt sich auch in den USA der Druck auf die Terrororganisation. Der demokratische Senator Edward Kennedy, eine Art Übervater der irischstämmigen Amerikaner, forderte nun die Auflösung der IRA.

Am Mittwoch hatte der einflussreiche Senator die fünf Schwestern und die Verlobte des ermordeten McCartney in Washington empfangen. Der Mord an McCartney war im Beisein von rund 70 Zeugen vor der Belfaster Bar verübt worden, doch bisher hat die Polizei noch keine tragfähigen Zeugenaussagen oder Geständnisse erhalten. Die Familie des Ermordeten, die aus einer der bisherigen Hochburgen der IRA und der Sinn-Fein-Partei in Belfast stammt, wirft der Organisation vor, mögliche Zeugen einzuschüchtern.

Neben Kennedy trafen die sechs Frauen auch die Senatsmitglieder Hillary Clinton, Chris Dodd und John McCain. Sie alle sagten ihre Unterstützung für den Wunsch der Familie nach einem rechtmäßigen Prozess zu.

Am Donnerstag erhielten die aus Nordirland angereisten Frauen eine noch deutlichere Unterstützung: US-Präsident George W. Bush empfing sie am irischen Nationalfeiertag zu Ehren des heiligen Patrick. Anschließend nahmen die sechs Frauen am traditionellen Festessen auf dem Kapitolshügel teil. Bei beiden Anlässen war Gerry Adams, der Präsident der Sinn-Fein-Partei, nicht erwünscht, obwohl er sich auch in den USA aufhält.

Zu dieser Einladungs-Politik passt, dass die amerikanischen Sympathien für die IRA-Umtriebe immer mehr verfliegen. Senator Kennedy bezeichnete die IRA als „Albatros“ am Hals ihres politischen Arms, der Sinn-Fein-Partei. Mit dieser Redensart umschrieb Kennedy, dass er die IRA als ein lästiges Hindernis auf dem Weg zu einem endgültigen Frieden in Nordirland betrachtet. „Keine politische Partei darf in der heutigen Welt eine bewaffnete Einheit unterhalten, die sich der Gewalt und der Kriminalität widmet“, stellte Kennedy fest. Der Senator erinnerte ferner an die letzte Runde der nordirischen Verhandlungen, die Anfang Dezember gescheitert waren; die Einsicht, dass die IRA gleichzeitig einen riesigen Bankraub in Belfast geplant hatte, „war eine bemerkenswerte Botschaft an jene, die ihr Vertrauen in den Verhandlungsprozess gesetzt hatten“.

Auch der republikanische Senator John McCain nahm Bezug auf die Ermahnungen des prominenten Sinn-Fein-Politikers Martin McGuinness, der die fünf Schwestern in den letzten Tagen davor gewarnt hatte, sich in parteipolitische Niederungen zu begeben. McCain sagte spitz: „Wer auch immer die Rechtschaffenheit der Familie anzweifelt und sie von ihrem Tun abhalten möchte: Tut das nicht!“ Bezeichnend für den Stimmungsumschwung ist, dass selbst ein Mann wie Niall O’Dowd, Herausgeber der für die Iren in Amerika gemachten Zeitung „Irish Voice“, inzwischen die Auflösung der IRA fordert. O’Dowd hatte in den neunziger Jahren zu einer Gruppe einflussreicher Amerikaner gehört, die Kontakte zwischen der Sinn-Fein-Partei und der Clinton-Administration geknüpft hatten.

Das Angebot der IRA an die Familie McCartney, die Mörder ihres Bruders eigenhändig zu erschießen, hat in Amerika besondere Entrüstung hervorgerufen. Kennedy sprach geringschätzig davon, die IRA sei offenbar nicht mit westlichen Werten vertraut, während O’Dowd feststellte, die IRA habe augenscheinlich keine Ahnung von Politik. Für Sinn Fein erhöht die Kritik der einstigen amerikanischen Gönner den Druck: Nach der eigenen Basis in Belfast distanziert sich nun auch die Diaspora von der herkömmlichen Zweideutigkeit.

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