Politik : Nordirland: Bombe auf dem Schulweg

Martin Alioth

Morgens um neun durfte man noch hoffen. Zum dritten Mal in dieser Woche formierte sich auf der Ardoyne Road im Norden von Belfast ein Konvoi aus Eltern und ihren Töchtern, vier- bis elfjährigen Mädchen mit frischen Gesichtern und coolen Schleifen im zusammengebundenen Haar. Zahlreiche Mütter sogen gierig an billigen Zigaretten. Das Fähnlein der Aufrechten setzte sich in Bewegung und marschierte stumm zwischen den gepanzerten, grauen Polizeifahrzeugen und den Soldaten hindurch, die wie die Komparsen eines Videospiels vermummt waren, die Visiere heruntergeklappt, den Plastikschild vor der Brust. Der militärische Tunnel gewährte den Kindern eine Gasse, die direkt auf den Haupteingang der Heiligkreuz-Schule wies, und sollte sie vor den Tätlichkeiten der protestantischen Anwohner schützen, durch deren Territorium ihr Schulweg seit vielen Jahren führt.

Plötzlich hagelte es Steine und Golfbälle, die ordentliche Formation brach auseinander, schützend schossen Arme hoch. Und dann knallte es. Die Hoffnung auf ein Abflauen der dreitägigen menschenverachtenden Konfrontation verflüchtigten sich mit einem Schlag. Kinder und Mütter flohen in Panik, manche weinten hysterisch, eine Frau wurde ohnmächtig, doch schließlich gelangten alle unverletzt in die Schule. "Terrified", zu Tode erschrocken, seien die kleinen Gesichter bei der Ankunft gewesen, berichtete der oberste Vorstand der presbyterianischen Kirche anschließend. Der Hirte der größten protestantischen Kirche hatte die katholische Schule aus Solidarität besucht. Nun war er Augenzeuge.

Eine zwielichtige protestantische Untergrundorganisation, die "Red Hand Defenders", bekannte sich wenig später dazu, einen Sprengsatz auf die Schulmädchen geworfen zu haben. Ein nordirischer Polizeibeamter musste mit Beinverletzungen ins Krankenhaus überführt werden. Die Verletzten bildeten einen Teil des gepanzerten Kordons. In der Nacht zuvor kam die nordirische Polizei an mehreren Orten in Nordbelfast unter Gewehrfeuer, Brandbomben und Sprengsätze wurden geworfen. Die Unruhen konzentrierten sich auf protestantische Viertel. Jugendliche schienen sich an der Polizei rächen zu wollen, weil die Beamten den katholischen Schulmädchen eine Gasse gebahnt hatten.

Nach der Bombenexplosion vom Mittwoch distanzierten sich protestantische Politiker von den hässlichen Methoden der erbosten protestantischen Anwohnergruppe. Billy Hutchinson, gewählter Vertreter einer Partei, die aus einem protestantischen Terrorkommando entstanden war, bekannte, er schäme sich, ein "Loyalist" zu sein.

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