Politik : Nordirland: Interview: "Wir schaffen den Frieden"

Warum werden Sie heute nicht an den Nordirland-Ver

David Ervine (47) sitzt für die Progressive Unionist Party (PUP) im nordirischen Parlament. Die PUP ist aus den Friedensgesprächen ausgestiegen. Ervine verbüßte eine Haftstrafe für Sprengstoffvergehen und gilt heute als moderater Wortführer protestantischer Arbeiter.

Warum werden Sie heute nicht an den Nordirland-Verhandlungen teilnehmen?

Der britische Premierminister befindet sich in der Rolle von König Salomon: Er hat zerstrittene Zwillinge vor sich; der eine verlangt, dass der andere ignoriert werde, damit er alles erhält, was er verlangt. Als ich Tony Blair am Montag verließ, sagte ich zu ihm: Was auch immer Sie dem Sinn Fein-Präsidenten Gerry Adams geben, denken Sie dran, dass Sie es mit einer gespaltenen Gesellschaft zu tun haben. Es ist wenig sinnvoll, die protestantische Seite weiter zu destabilisieren. Die Verhandlungen in England sollten doch denen Zuversicht geben, die gegenwärtig keine haben, das sind die Unionisten. Der ehemalige Chefminister David Trimble verlangt Entwaffnung, Adams verlangt, dass man die Ideologie der IRA verstehe, aber beide meinen dasselbe, beide wollen künftige Absichten der IRA erkunden. Adams lässt uns wissen, dass die IRA erst dann zu guten Taten bereit ist, wenn Irland wieder vereinigt ist. Damit wendet er sich gegen den Volkswillen, der das Friedensabkommen vom Karfreitag 1998 guthieß.

Haben Sie damit das Vertrauen in die langfristig gutwilligen Absichten der IRA und Sinn Feins verloren?

Nein. Sinn Fein ist unter Druck, sowohl intern als auch von allen nordirischen Parteien und der Weltöffentlichkeit. Ich will jetzt nicht überstürzt reagieren, Adams wird bestimmt darüber nachdenken, denn im Effekt bot er bloß Bürgerkriegspolitik an.

Aber liegt es denn nicht auf der Hand, dass die Protestanten aus historischen Gründen mehr Konzessionen machen müssen als Katholiken?

Nein. Natürlich haben wir Unionisten noch nicht genügend Zugeständnisse gemacht. Aber wir haben doch alle unsere Leben im Neuland verbracht, niemand hat gelernt, Verantwortung für seine Taten zu übernehmen. Wir lernen alle, eine moderne, anständige Gesellschaft zu bauen. Wenn wir aufhören, immer nur das Opfer der Vergangenheit zu spielen, werden wir mehr Erfolg haben. Ich bin der erste, der Wandel befürwortet, aber ich will wissen, was der Fortschritt kostet. Die Nationalisten und Republikaner scheinen zu glauben, dass ihnen die Zersplitterung und Entmutigung der Unionisten nützt, aber wir sollten uns eher wie die Pfosten eines Wigwams verhalten, denn wenn einer fällt, stürzen alle. Herr Adams scheint das zu vergessen.

Sind wir dabei, die kritische Masse bei den konstruktiven Kräften im unionistischen Lager zu verlieren?

Nicht doch! Wir schaffen den Frieden. Natürlich sind wir in schwierigen Zeiten, und es ist möglich, zurückzurutschen, aber das ist keineswegs zwangsläufig. Genügend Leute wollen ehrlich, dass dieser Prozess funktioniert. Die Frage lautet: Wie viele von uns beharren darauf, vor ihren eigenen Wählern Recht zu behalten, ohne die Bedürfnisse anderer anzuerkennen? Diese Frage müssen die Republikaner - Sinn Fein und die IRA - jetzt beantworten.

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